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Ein Gespenst geht um in Österreich

Meinung Michael Heindl zum Thema Facharbeitermangel

Man könnte meinen, die Welt ist verrückt. Da gibt es an die 500.000 Arbeitslose und andauernd hört man Klagen von Unternehmern, dass sie offenen Stellen nicht besetzen können, weil es an qualifizierten Facharbeitern fehle. Was da als „Fachkräfte“ gesucht wird, sind nicht bloß hochqualifizierte Informatiker oder Ingenieure. „Unauffindbar“ sind, wie Firmen behaupten, Leute für ganz normale Arbeitsplätze. Auf Inserate und vom AMS bekämen die Unternehmer nur gänzlich unbrauchbare Angebote: Jugendliche ohne Schulbildung, Ungelernte, zu Alte und ohnehin wollen sie alle zu viel Geld – kurz, eine Katastrophe.

Dass es auf dem Arbeitsmarkt, also unter einer halben Million Arbeitslosen, keine Drucker, Grafiker, Bäcker oder Tischler geben soll, ist ein Witz. Wen oder was hat das Kapital denn laufend beschäftigt – bis zum Zeitpunkt seiner Entlassung? Lauter „Katastrophen“? Wohl kaum.

Das Kapital definiert Facharbeiter

Da beweist schon der erste Blick auf die Einstellungspraxis der großen Firmen das Gegenteil. Die suchen z.B. einen dieser angeblich „unauffindbaren“ Grafiker mit Kantonesisch-Kenntnissen, Bäcker der nebenbei auch Webseiten erstellen kann oder Elektriker mit C++ Erfahrung. Am nächsten Morgen ist die Mailbox des Personalbüros voll, bis die Server qualmen. Facharbeitermangel? Ja klar, denn jetzt geht’s erst richtig los: Der Gesellenbrief oder die HTL-Matura, den die Arbeitssuchenden im Anhang mitsenden, qualifiziert sie noch lange nicht für einen Job.

Folgerichtig kann – je nach Menge der Arbeitssuchenden – gleich wieder nach Hause gehen

…wer schon länger als ein Jahr arbeitslos ist, der hat im Laufe seiner Arbeitslosigkeit seine Qualifikation und Berufserfahrung verloren.

…wer schon 40 oder älter ist. Der hat zwar genügend Erfahrung darin, wie man den Ansprüchen der Betriebe gerecht wird, unterliegt aber einfach dem Verdacht, zu viel Kraft und Gesundheit in den Konkurrenzbetrieben zuvor gelassen zu haben. Und genau dafür will der auch noch mehr Geld!

…wer erst 20 oder jünger ist. Das spricht natürlich gegen ihn: Er hat zwar noch genügend Saft und Kraft für die Firma, da wäre halt noch die leidige Sache mit der mangelnden Berufserfahrung.

Übrig geblieben sind eine Handvoll Arbeitslose, die aufgrund ihres in Form ihrer Arbeitspapiere vorliegenden Lebenslaufes für das Kapital die Voraussetzung mitbringen, die Arbeit auszuhalten. Nur die erhalten das Privileg sich in der Probezeit zu bewähren und damit zu belegen, was ihr Lebenslauf versprochen hat: Gesund, belastbar und keinerlei Interesse an Privatleben zu haben.

Wer jetzt noch keine unangebrachten Bemerkungen gemacht hat und dem Abteilungsleiter den nötigen Respekt erweist, kann damit rechnen, in nächster Zeit vom Kapital benutzt zu werden. Natürlich – und das zeichnet den qualifizierten Facharbeiter vor allem aus – zum Hilfsarbeiterlohn zu jeder Überstunde und Sonderschicht bereit, die von ihm verlangt wird.

Wenn das Kapital über „Facharbeitermangel“ klagt, macht es Werbung für sein unbestreitbares Recht, den Arbeitsmarkt als Selbstbedienungsladen für wohlfeiles Arbeitsmaterial zu benützen. Das ist die Wahrheit über das Gerede von den „vergebens gesuchten Facharbeitern“: Gerade aufgrund des massenhaften Angebots an Arbeitskräften – jeden Alters und jeder Qualifikation – sind die Unternehmer ausgesprochen wählerisch geworden.

Oder richtiger gesagt: Gerade sie haben mit ihren Geschäftskalkulationen 500.000 Arbeitslose produziert, die ihrerseits aufgrund der bei der Entlassung mitgelieferten materiellen Not nicht wählerisch sein dürfen, und nutzen das jetzt bei Neueinstellung aus. Die Freiheit des Kapitals, aus einem schier unerschöpflichen Arbeitskräftereservoir auswählen zu können, wird von den Kapitalisten eben auch so praktiziert:

Sie haben es nicht nötig, den Erstbesten zu nehmen, also machen sie es sich einfach und legen die strengsten Maßstäbe an, wenn sie für ihr Geschäft ein paar neue Leute brauchen. Dass sich aus der Menge der von ihnen überflüssig gemachten Arbeitskräfte der stromlinienförmig ihrem jeweiligen Geschäftsbedürfnis angepasste „neue Mitarbeiter“ einstellt, ist das praktizierte Anspruchsdenken der Unternehmer und dafür leisten sie es sich, bisweilen eine Einstellung hinauszuschieben – obwohl ihrer eigenen Klage zufolge schier das Wohl und Wehe ihres Geschäfts gerade davon abhängen soll!

So zeichnet die Unternehmerpropropaganda ein neues Bild vom „Arbeitsmarkt“: Nicht, dass ein paar hunderttausend mittellose Leute darauf angewiesen wären, vom Kapital benutzt zu werden, sondern die armen Unternehmer, die so gerne Arbeit geben würden, sind auf den unergiebigen Arbeitsmarkt angewiesen, der die qualifizierten Mitarbeiter nicht hergibt.

Damit stellen die Unternehmer klar, was in dieser freien Marktwirtschaft wem zusteht. Eigentlich müsste das Menschenmaterial, wenn es schon seine Haut zu Markte trägt, stets dafür Sorge tragen, den Ansprüchen der Unternehmer haargenau zu entsprechen – natürlich zu Preisen, die sie selbst bestimmen. Nur wenn die Kapitalisten den Arbeitsmarkt als ihren Selbstbedienungsladen benützen können, können sie auch ihrer nationalen Pflicht als „Arbeitgeber“ nachkommen. Für Unternehmer fällt eben jede Pflicht mit ihrem Geschäftsinteresse zusammen!

Michael Heindl ist GLB-Aktivist in Wien