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Gewerkschaftlicher Linksblock im ÖGB (GLB)

Pfade des Kreditsektors

FaktenEin Gastbeitrag von Amelie Lanier zum Thema Finanzkapital

Seit Hilferdings 1910 erschienenem Werk hat sich von marxistischer Seite niemand mehr diesem Thema gewidmet. Es gibt auch in der bürgerlichen Nationalökonomie nichts in dieser Richtung, also kein Werk, das sich ausdrücklich mit diesem Thema befassen würde.

Dabei ist im letzten Jahrzehnt diese Fraktion des Kapitals sehr ins Gerede geraten. Von linker als auch von rechter Seite wurde das Finanzkapital ins Visier genommen. Es gibt einen Haufen von Publikationen, die der Politik gute Ratschläge erteilen wollen, wie man das Finanzkapital zügeln, beschränken, auf angeblich nützliche Dienste zurückführen und dadurch die Kapitalakkumulation wieder in Schwung bringen – also das vielbeschworene Wachstum wieder herbeilocken – könnte. Dazu kommen un-ökonomische, psychologische Bezichtigungen: die Akteure der Hochfinanz seien „gierig“, auf „Profitmaximierung“ aus und leben völlig über ihre Verhältnisse.

Dieses Buch befasst sich hingegen mit den Diensten, die das Finanzkapital wirklich für den kapitalistischen Akkumulationsprozeß und für die politische Macht leistet, und mit dem Eigeninteresse, das die Hauptpersonen des Kreditsektors als Charaktermasken des Profitinteresses entwickeln.

Der erste Abschnitt befasst sich mit dem Verhältnis des Finanzkapitals zur restlichen Ökonomie: „Das Finanzkapital als Schmiermittel und Treibstoff der Produktion und Realisation des Kapitals“. Er widmet sich dem Dienst, den das Finanzkapital den anderen Kapitalfraktionen leistet. Das produktive Kapital braucht den Kredit, um seinen Kreislauf zu vollenden. Dazu gehört erstens der kommerzielle Kredit, der es dem Produzenten ermöglicht, sein Produkt zu verkaufen, auch wenn der Kunde gegenwärtig nicht zahlungsfähig ist. Diese Kreditform ermöglicht den Fortgang der Produktion – die fehlenden Einkünfte bis zum vereinbarten Zahltag ersetzt der Bankkredit. Weiters bietet das Finanzkapital Kredit für Investitionen. Ein Unternehmer will seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, indem er die Stückkostenzahl seiner Produkte senkt. Dafür braucht er ebenfalls Kapitalspritzen aus der Welt des Leihkapitals.

Schließlich sammeln die Banken und „Finanzdienstleister“ auch überschüssiges Kapital von Unternehmern und vermögenden Bürgern, um es für sie zu vermehren. Aus diesen Tätigkeiten für Kapitaleigner aus anderen Sektoren macht sich das Finanzkapital zum Monopolisten des Geldes und des Kredits.

Daraus entwickelt sich eine Tätigkeit, die der Profitmacherei Flügel verleiht: „Das Finanzkapital dreht sich um die eigene Achse und macht aus seiner Geldmacht eine eigene Geschäftssphäre“. Anstatt sich lediglich dem Dienst an fremdem Gewinn zu verschreiben, eröffnet die Bankenwelt eine eigene Profitquelle: Mit der Emission von Wertpapieren leistet es eine Art creatio ex nihilo, eine Schöpfung von Kapital aus dem Nichts.

Aber ist es wirklich „Nichts“, aus dem das heutige Kreditgeld geboren wird, oder steht hinter dieser Geldschöpfung nicht vielmehr die ganze geballte imperialistische Gewalt, die heute die Wirtschaft bestimmt?

In diese Sphäre gehört auch noch ein weiterer Dienst am produktiven Kapital, den sich das Finanzkapital gut entlohnen läßt: Wertpapieremissionen von Firmen, mit Hilfe derer sich die Unternehmen Leihkapital besorgen, wodurch dem Finanzkapital als Vermittler Gewinn erwächst.

Diese Dienstleistung findet ihre Fortsetzung in der Kreditierung der Staatsgewalt: „Das Finanzkapital dient der Staatsmacht durch den Handel mit Anleihen“. Moderne Staaten haben viele Ausgaben, mit denen sie ihre Gesellschaft und die Kapitalakkumulation auf ihrem Territorium verwalten. Dafür benötigen sie mehr Geld, als sie in Form von Steuern und Abgaben einnehmen. Dafür bedienen sie sich des Kredits, den sie aufgrund ihrer Stellung als Aufsichtsmacht über ihr Territorium beanspruchen können. Hier ist natürlich wichtig, welche Stellung in der Hierarchie der Nationen sie einnehmen. Staaten, deren Verfügungsgewalt zweifelhaft ist oder deren Ökonomie schwächelt, gesteht das Finanzkapital schlechtere Konditionen und weniger bis gar keinen Kredit zu.

Damit wird das Finanzkapital zu einer Art Königsmacher im heutigen System der Konkurrenz der Nationen: „Das Finanzkapital und der Imperialismus“. Das Finanzkapital entscheidet durch seine Kalkulationen über den Kredit, den Staaten haben, und damit über deren Freiheit in der Gestaltung ihres Verhältnisses zur eigenen Bevölkerung und zu den anderen Staaten, den feindlichen Brüdern im Wettbewerb um Märkte und Rohstoffquellen. Das Finanzkapital entscheidet somit – in Zusammenarbeit mit der Politik – teilweise auch über Armut und Reichtum ganzer Nationen, und über Krieg und Frieden.

Man soll sich nicht davon abschrecken lassen, daß dieses Buch eine sehr kompakte Analyse dieses Sektors darstellt und mit herkömmlichen Denkgewohnheiten bricht. Wer die sehr verschlungenen Pfade des Kreditsektors begreifen will, ist mit diesem Buch gut bedient.

Das Finanzkapital - Peter Decker – Konrad Hecker – Joseph Patrick, GegenStandpunkt Verlag, 2016. 180 Seiten

Amelie Lanier ist Autorin und wohnt in Zell am See, Infos www.alanier.at






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