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Die „wilden Engel“

Geschichte Am Morgen des 21. Jänner 1975 weigerten sich die rund 400 Arbeiter der ersten Schicht ihre Arbeit in der Spritzgussmaschinenfabrik Engel in Schwertberg - mit 800 Beschäftigten der größte Industriebetrieb des Mühlviertels - aufzunehmen. Sie betraten das Werksgelände nicht und streikten, sowohl Geschäftsführung als auch Betriebsrat waren davon völlig überrascht. Rund eine Woche harrten die Arbeiter trotz Kälte und Nässe vor dem Werkstor aus, bis sie am 29. Jänner die Arbeit wieder aufnahmen. Die Arbeiter erklärten, sie würden die Produktion erst wieder aufnehmen, wenn der verhasste Betriebsleiter Ing. Josef Hanl abgesetzt würde.

Mit dem Streik hatte ein lange aufgestauter Unmut über Arroganz gegenüber den Arbeitern, Ausschaltung des Betriebsrates, Missachtung der Menschenwürde bis hin zur Androhung von Ohrfeigen durch Betriebsleiter Hanl einen Höhepunkt gefunden. Auslösendes Moment war schließlich ein von Hanl verkündetes 10-Punkte-Programm mit einem aufgezwungenen Gemeinschaftsurlaub und einem neuen Akkordsystem verbunden mit verstärkter Kontrolle.

Die Arbeiter lehnten eine Einladung der Geschäftsführung zu einer Betriebsversammlung im Speisesaal des Sozialhauses zur Bereinigung des Konflikts mit dem Argument ab, es sei ihnen auch bislang nicht gestattet worden im Saal Versammlungen abzuhalten.

Auch dem sofort eingeschalteten Betriebsratsobmann und Vertretern von Gewerkschaft, Handelskammer bis hin zum AK-Präsidenten Schmidl gelang es zunächst nicht im gewohnten sozialpartnerschaftlichen Sinne zu vermitteln. Einzige Forderung der Arbeiter war die Absetzung des Betriebsleiters.

Die Entsendung einer vierköpfigen Verhandlungsdelegation lehnten sie ab. Überhaupt war das Spezifikum dieses Streiks - wie Ferdinand Karlhofer in „Wilde Streiks in Österreich“ schreibt - dass es keine Streik­leitung gab und es der Geschäftsführung auch nicht gelang durch Befragung der Meister „Rädelsführer“ auszumachen.

Der Arbeitskampf der „wilden Engel“ erregte großes Aufsehen und wurde durch einige Solidaritätskundgebungen - so auch aus der Voest -, einen kurzen Sympathiestreik eines Schwertberger Betriebes und Sympathieerklärungen einiger Bürgermeister umliegender Gemeinden unterstützt und trotz angedrohter Entlassungen fortgesetzt. Täglich mit dabei war die „Neue Zeit“ (oö Ausgabe der „Volksstimme“), die so ausführlich über den Streik berichtete, dass sie einige Wochen später von der um ihre Ostgeschäfte fürchtenden Engel-Geschäftsführung eigens zu einer Pressekonferenz eingeladen wurde.

Charakteristisch hingegen die Haltung der Gewerkschaft: Nicht nur dass der Betriebsrat völlig überrascht worden war, auch die Gewerkschaft der Metall- und Bergarbeiter war auffallend reserviert und trotz Ankündigung von Austritten aus dem ÖGB zunächst nicht zu einer Anerkennung des Streiks zu bewegen. Der damalige Landessekretär und spätere SPÖ-Landeschef Fritz Hochmair berief sich auf „Weisungen aus Wien“. Der damalige AK-Präsident Schmidl fuhr wiederholt im Dienst-Mercedes vor und versuchte die Arbeiter zum Aufgeben zu bewegen.

Am fünften Streiktag rückte dann die Geschäftsführung davon ab, Betriebsleiter Hanl um jeden Preis zu halten und präsentierte den Vorschlag Hanl auf den Posten eines Konsulenten abzuschieben, was zwar die Gewerkschaft unterstützte, die Streikenden zunächst aber ablehnten. Am 29. Jänner wurde der Vorschlag in leicht modifizierter Form - etwa durch die Bestellung eines Betriebsombudsmannes - dann doch angenommen und der Streik beendet.

Die Gewerkschaft anerkannte den Streik nachträglich und zahlte Streikgeld aus und gestand ein, die Kampfbereitschaft der Engel-Arbeiter unterschätzt zu haben: „Wir haben erkannt, dass die Arbeiter um menschenwürdige Arbeitsbedingungen gekämpft haben...“ stellte Gewerkschaftssekretär Hochmair fest.

Leo Furtlehner