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Die Spekulation nach satten Gewinnen ist aufgegangen…

Meinung Vor zwanzig Jahren begann die Zerschlagung der Verstaatlichten. Über die Jahre nach 1986 sprach „Die Arbeit“ mit dem ehemaligen Voest-Werkspfarrer Hans Wührer. „Die Arbeit“: Am 16. Jänner 1986 haben auf dem Linzer Hauptplatz 40.000 Menschen für den Erhalt der Verstaatlichten und Gemeinwirtschaft demonstriert. Worin siehst Du die Hauptursachen dafür, dass diese Verstaatlichte heute faktisch nicht mehr existiert?

Wührer: Ja, ich war dabei, damals. Es war eine Riesen-Sache. Allerdings erinnere ich mich, dass nicht wenige Demonstranten schon nicht mehr recht an die Rettung der VOEST geglaubt haben. Instinktiv haben sie gespürt, dass mächtigere Interessenten an der „Filettierung“ ihres Unternehmens arbeiten, um es schließlich privatisieren zu können.

Die Hauptursachen sehe ich im damals aufkommenden neoliberalen Dogma: der Staat ist ein schlechter Unternehmer, ja er hat in der Produktion überhaupt nichts verloren. „Mehr privat, weniger Staat“ wurde von den neoliberalen Predigern den BürgerInnen eingehämmert. Die zuständigen SP-Politiker glaubten das entweder auch oder sie sahen sich nicht mehr in der Lage, dem Trommelfeuer der Verleumdung („ Die Voest: ein Milliardengrab“; „der Steuerzahler zahlt die Zeche“) mit Argumenten zu entgegnen.

„Die Arbeit“: Du warst in den Jahren nach 1986 maßgeblich in der damals recht aktiven Bürgerinitiative zur Rettung der Verstaatlichten und Gemeinwirtschaft (BISVG) aktiv. Was waren die Hauptanliegen dieser Bürgerinitiative?

Wührer: Das Hauptanliegen war einerseits, die Kräfte zu bündeln, denen die Erhaltung von Staatseigentum in Form verstaatlichter Betriebe ein starkes Anliegen war: Gewerkschafter, Betriebsräte, Studierende, Professoren bis hin zu Kunstschaffenden wie Peter Turrini, der ja dann, angestoßen durch die Vorgänge in der VOEST ein eigenes Stück schrieb: „Die Minderleister“, in dem er die Problematik aus der Perspektive von steigendem Arbeitsdruck, Entsolidarisierung und Angst vor Arbeitslosigkeit behandelte.

Und andrerseits wollten wir natürlich eine Gegen-Öffentlichkeit schaffen zur Diffamierung der Verstaatlichten in Presse und öffentlicher Meinung, sodass die gute alte Verstaatlichte doch erhalten werden könnte. Der eindeutige Höhepunkt unserer Arbeit war neben einigen gut besuchten Konferenzen der Solidaritätsmarsch zum Ballhausplatz, an dem unglaubliche 70.000 Menschen teilnahmen!

Leider stand die Metaller-Gewerkschafts-Spitze unserm Anliegen skeptisch bis ablehnend gegenüber, was sich in der geringen und vorsichtigen Mitarbeit der VOEST-Betriebsräte niederschlug. Dass die Bewegung sehr wohl wahrgenommen wurde, zeigten mir Unmutsäußerungen von Politikern wie Managern und leider eben auch Gewerkschafts-Funktionären, die ich am laufenden Band zu hören bekam.

„Die Arbeit“: Die Voest, wo Du von 1983 bis 2001 Werkspfarrer warst, boomt heute und wird als Erfolgsmodell der Privatisierung gefeiert. Haben die Privatisierer Recht behalten oder täuscht der Höhenflug der Gewinne und Börsenkurse?

Wührer: Recht behalten haben sie insofern, als ihre Spekulation nach satten Gewinnen aufgegangen ist. „Natürlich“ (nach Logik der „Sachzwänge“ zu Rationalisierung, Flexibilisierung und Gewinn-Maximierung) wurde die Belegschaft stark reduziert und wurden / werden serienweise Kostensenkungs-Programme gefahren, die zu weiterer Personal-Einsparung und gleichzeitiger Ergebnis-Optimierung führten.

Der Höhenflug der Gewinne und Aktienkurse könnte freilich jäh gebremst werden durch Kauf bzw. feindliche Übernahme durch einen Konkurrenten, der es mehr auf die Märkte als auf den Standort abgesehen hat. Das hat man jahrelang befürchtet, dass in einem solchen Fall viele oder gar alle Arbeitsplätze auf dem Spiel stünden – und diese Befürchtung ist nie total auszuschließen- siehe das Schicksal vieler geschluckter, fusionierter Betriebe und Konzerne.

„Die Arbeit“: Bei der AMAG in Ranshofen hat sich ein tiefer Konflikt zwischen Belegschaft und Gewerkschaft über den Verkauf der Mitarbeiterbeteiligung entwickelt. Kann eine Mitarbeiterbeteiligung ein Ersatz für staatliches Eigentum sein oder ist das Modell gescheitert?

Wührer: Das mit der AMAG in Ranshofen ist eine Tragödie (oder soll man sagen Komödie?) eigener Art. Nach Management-Fehlern verschenkt (nicht einmal verscherbelt), macht das Werk in kürzester Zeit saftige Gewinne, die durch Verkauf noch einmal vervielfacht würden. Leider zeigt sich, dass die Mitarbeiter-Beteiligung allein keine Garantie ist gegen weiteren Ab- oder Aus-Verkauf. Wie im vorliegenden Fall Arbeitnehmer gegen ihre Vertreter auseinanderdividiert werden, ist ein Trauerspiel und eine Schande.

„Die Arbeit“: Danke für das Gespräch.