Bezeichnend für die Unterordnung unter die Flexi-Politik der Unternehmer nach Meinung der Fraktion Gewerkschaftlicher Linksblock im ÖGB (GLB) die Aussagen von AK-Präsident und ÖGB-Landesvorsitzendem Johann Kalliauer bei der oberösterreichischen AK-Vollversammlung am 3. Mai 2006. Kalliauer tritt richtigerweise für Steigerung der Inlandsnachfrage in Form höherer Masseneinkommen und öffentlicher Investitionen ein, eine Arbeitszeitverkürzung ist für ihn hingegen offenbar kein Thema mehr. Seit 1987 fordert der ÖGB regelmäßig bei jedem Bundeskongress eine Arbeitszeitverkürzung auf 35 Wochenstunden. Realpolitisch wurde dieses Ziel jedoch aus Rücksicht auf die „Standort“-Argumentation der Kapitalseite darauf verzichtet, die Arbeitszeitverkürzung durchzusetzen. Im Ergebnis ist Österreich EU-weit ein Spitzenreiter bei langen und flexiblen Arbeitszeiten, die aber einkommensmässig keineswegs abgedeckt werden.

Mit Stand vom Frühjahr 2005 wies Österreich mit real 44,1 Wochenstunden nach Griechenland (44,3) die längste Arbeitszeit aller EU-Länder aus. 748.500 Beschäftigte leisten regelmäßig Überstunden, das Volumen von 7,04 Millionen Überstunden entspricht einem Beschäftigungspotential für 175.900 Personen. Allein daraus wird die Dringlichkeit einer Arbeitszeitverkürzung ersichtlich. Derzeit findet eine „Arbeitszeitverkürzung“ nur in der Form statt, dass immer mehr Beschäftigte arbeitslos, teilzeitbeschäftigt oder prekarisiert werden.

Wenn sich Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl (ÖVP) mit Aussagen wie „Der Gewerkschaftsbund zeigt sich viel verantwortungsbewusster als entsprechende Organisationen in anderen Ländern“ lobend äußert, spricht dies nicht für ÖGB und Arbeiterkammer: „Für die Gewerkschaftsmitglieder und alle Lohnabhängigen ist ein solches Lob aus Kapitalistenmund alles andere als erfreulich“, meint GLB-Bundesvorsitzende Karin Antlanger.

Der GLB bekräftigt neuerlich die Forderung des GLB nach rascher Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich und einen radikaleren Kurs der Gewerkschaften insbesondere in der Arbeitszeit- und Lohnpolitik. Nach dem Stand der Produktivität wäre bereits die 30-Stundenwoche möglich. Antlanger verweist dazu auf die Ergebnisse der ÖGB-Urabstimmung vom Herbst 2001, bei der die Gewerkschaftsmitglieder mit 88 Prozent auch für Kampfmaßnahmen zur Durchsetzung wichtiger Forderungen der Lohnabhängigen gestimmt hatten.