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Im Zeitalter der Ent- und Verun-sicherung ....

Meinung Von Heidemarie Ambrosch

Frau M. war knapp 50, Alleinerzieherin, als sie völlig unerwartet arbeitslos wurde. Sie, die sich jeder Herausforderung gestellt hatte, die sich nie für eine Arbeit zu schade gewesen war, die immer zugepackt hatte, wenn eine Kollegin mit ihren Aufgaben nicht zurecht kam, die nur dann auf die Uhr schaute, wenn sie ihre Tochter rechtzeitig vom Kindergarten oder von der Schule zu holen hatte, die nicht selten zuhause, in ihrer „Frei“zeit noch nacharbeitete. Sie wurde plötzlich nicht mehr gebraucht, hieß es, natürlich etwas schwulstiger umschrieben. Eine Umstrukturierung im Betrieb sollte Arbeitskosten einsparen. Frau M. hat viele FreundInnen und durch gutes Zureden ihrer, sie optimistisch stimmen wollenden Bekannten - für eine wie dich findet sich sicher wieder was - erholte sie sich langsam vom Schock. Es brauchte allerdings einige Wochen, um wieder Bodenhaftung zu spüren. Eine tiefe Verunsicherung ist ihr geblieben.

Für ihre Qualifikation gab es am Arbeitsamt nur den Rat der Eigenbewerbungen und später dann die Frage: Haben Sie sich schon einmal überlegt, sich selbstständig zu machen?

Nein, Frau M. hatte sich das noch nie zu überlegen brauchen, sie war es gewohnt, dass immer wieder unterschiedlichste Aufgaben an Sie herangetragen worden waren. Frau M. überlegte sich nun auch das, nahm ein entsprechendes Weiterqualifizierungsprogramm an und absolvierte es mit sehr gutem Erfolg. Aber wie ihre Kurskolleginnen musste sie nach einer Weile feststellen, dass auch diese Maßnahme samt dem ganzen Paket der über 30 Jahre gesammelten Berufserfahrungen aber so gar nichts mit den Stellenausschreibungen von heute zu tun haben und der Anspruch, das zuletzt erzielte Einkommen wieder zu erreichen, aussichtslos scheint.

Frau M. lebt seither prekär. Sie hofft, dass nicht ausgerechnet jetzt, die Waschmaschine oder die Therme eingehen, denn sie hat all ihre Reserven aufgebraucht. Mit anderen plant sie Projekte, die sie hoffentlich wieder - und sei es auch nur für einige Zeit - in ein Anstellungsverhältnis bringen. Über Angebote ihrer Bank zur privaten Pensionsvorsorge oder Pflegeversicherung kann sie nur den Kopf schütteln. Im Moment beschäftigt sie nur eins, dass sie ihrer Tochter die weitere Ausbildung ermöglichen kann und Monat für Monat irgendwie über die Runden kommt.

So wie Frau M. leben heute immer mehr Menschen – verunsichert – prekär – nicht wissend, was im nächsten Jahr auf sie zukommt. Manche müssen 2-3 Jobs annehmen, andere hanteln sich von Projekt zu Projekt. Nicht wenige – noch in einem fixen Anstellungsverhältnis wissen, dass z.B. eine längere Krankheit dieses auch beenden könnte.

Manche erwischt es auch viel ärger als Frau M. Denn natürlich klingt Selbstständigkeit verlockend. Aber selten wird das Ausmaß der Risken rechtzeitig eingeschätzt. In den ersten neun Monaten des Jahres 2005 wurden über 5000 Unternehmen insolvent, um 17% mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Bezogen auf eine Arbeitswoche von 40 Stunden bedeutet dass - alle 17 Minuten eine Pleite! Besonders betroffen: Kleinstunternehmen, neue Selbstständige und Einzelkämpferinnen und -kämpfer. Und wer nicht aufgepasst hat, sieht sich dann nicht nur einem Schuldenberg gegenüber, sondern hat sich gleich auch selbst aus dem Sozialversicherungssystem gekippt, kann nur mehr um Sozialhilfe ansuchen.

Der ÖGB hat die Veränderungen am Arbeitsmarkt lange Jahre nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Nach wie vor mangelt es an Initiativen, den Betroffenen soziale Räume anzubieten, wo sie sich über ihre Situation austauschen können. Die oft mit der Arbeitslosigkeit einhergehende Scham, das Gefühl, versagt zu haben, führt nicht selten zum Rückzug aus dem sozialen Leben, was die gerade dann notwendige Netzwerkbildung verunmöglicht.

Es gibt aber Grund zur Scham! Es ist an der Zeit, wütend zu werden und gemeinsam am 8.März, dem Internationalen Frauentag unser Recht zu fordern! Existenzsichernde Arbeit für alle durch Arbeitszeitverkürzung! Für ein bedingungsloses Grundeinkommen!