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Einkaufen rund um die Uhr?

Meinung Von Josef Stingl

Die großen Lebensmittel-Handelskonzerne haben eine neue Marktnische entdeckt. Immer öfter werden auch FAIRTRADE-Produkte gelistet. Zur Erklärung, bei diesen Waren sollen internationale Umwelt- und Sozialstandards eingehalten und höhere Einkommen durch faire Rohstoffpreise erzielt werden.. FAIRTRADE-Produkte sind mit einem Logo gekennzeichnet. Für die Arbeitsbedingungen ihrer eigenen Beschäftigten würden die meisten Handelsbetriebe kein FAIRTRADE-Logo kassieren. Tausende Handelsangestellte, überwiegend weiblich müssen sich mit einem Teilzeitjob mit schlechter Bezahlung und extrem flexiblen Arbeitszeiten zufrieden geben. Die wenigen, manchmal sogar KV-überbezahlten Vollzeitarbeitsplätze bleiben meist Männer der „zweiten und dritten Führungsebene“ (Filialinspektor, Marktleiter, Abteilungsleiter etc.) vorbehalten.

Teilzeitarbeit im Handel mag zwar in der Theorie verlockend klingen, doch Arbeit am Abend und am Wochenende erschwert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, auch sind oft kurzfristig angeordnete Mehrstunden zu leisten. Fast unmöglich ist es, aus der Teilzeitarbeit auch wieder rauszukommen und auf Vollzeit zu wechseln.

Die Teilzeitarbeit für viele nicht freiwillig: 155.000 teilzeitbeschäftigte Frauen würden laut einer SORA-Studie gerne länger oder Vollzeit arbeiten, wenn es mit der Kinderbetreuung klappt. 255.000 teilzeitbeschäftigte Frauen und Männer sehen Teilzeit nur als Not- oder Übergangslösung, die Hälfte will wieder länger oder überhaupt Vollzeit arbeiten. Die Chancen dafür beurteilen sie selbst aber als schlecht.

Während sich seit Jahren die Wochenarbeitszeiten für die Teilzeitbeschäftigungen im Handel ständig verringern (waren es früher noch 30-Wochenstunden sind es heute vorwiegen 20 und weniger), haben sich im gleichen Zeitraum die Ladenöffnungszeiten ausgedehnt. Innerhalb des Rahmens von Montag 5 Uhr bis Samstag 18 Uhr können die Landeshauptleute die täglichen Öffnungszeiten festsetzen (bei keiner Regelung, gilt von Montag bis Freitag zwischen 5 und 21 Uhr und Samstag von 5 bis 18 Uhr), 66 Wochenstunden dürfen jedoch nicht überschritten werden. Unter bestimmten Umständen können die Landeshauptleute die Wochenöffnungszeit auf 72 Stunden anheben.

Etliche Landeshauptleute haben sich die Freiheit heraus genommen, bei den 66 Wochenstunden zu bleiben, bsw. auch das Tourismusland Tirol. Ein Dorn im Auge der Handelsriesen, ein Dorn im Auge des Wirtschaftsministers Bartenstein. Er machte sich daher bei den Koalitionsverhandlungen für die 72- Stunden-Regelung ohne Einflussnahme der Landeshauptleute stark. Diese wird jetzt im Eilzugstempo von der SPÖVP- Regierung – in nicht einmal 100 Tagen der Koalition schon in der Begutachtung – umgesetzt. Interessant dazu, die Tiroler Landtag (ÖVP besitzt absolute Mehrheit) hat daraufhin einstimmig gegen die Erweiterung der Ladenöffnungszeiten ausgesprochen.

„In den Chefetagen wird bereits über den Einkauf rund um die Uhr nachgedacht. Unsere Anliegen sind dabei den Bossen vollkommen wurscht, Hauptsache der Umsatz und natürlich der Profit stimmt“, so Roswitha H. (Interspar Sillpark). Dass dieses Szenario nicht so weit hergeholt ist, zeigt, dass den „Ganz Großen“ selbst die 72 Stunden Ladenöffnungszeit zuwenig sind und der österreichische Handelsverband zu Jahresbeginn eine BürgerInneninitiative für ein Offenhalten der Geschäfte von Montag bis Samstag zwischen 6.00 und 22.00 Uhr, also 96 Wochenstunden, gestartet hat. Aus Wien wiederum, wird immer öfter der Ruf nach einigen geöffneten Sonntagen immer lauter.

Auch der Gewerkschaftliche Linksblock wurde zu den Ladenöffnungszeiten aktiv. Rund um den Frauentag hat er eine Petition an den Nationalrat gestartet - mit dem Ziel, jede Ausweitung der Öffnungszeiten zu verhindern. Der Wortlaut der Petition: "Die ohnehin schon weit reichenden Möglichkeiten, Geschäfte aufzusperren, sollen nach den Vorstellungen mancher Gruppen und Handelsketten erweitert werden - besonders betroffen davon sind die im Handel Beschäftigten. Die vorhandenen Geschäftsöffnungszeiten sind aber vollkommen ausreichend. Die Unterzeichneten richten gemäß Art. 11 StGG an den Nationalrat folgende Petition: Wir verlangen, dass sich die Abgeordneten des österreichischen Nationalrates gegen jede Ausweitung der Geschäftsöffnungszeiten aussprechen."

Josef Stingl arbeitet als Koch in Tirol und ist stellvertretender Bundesvorsitzender des GLB