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Lehrjahre sind keine Herrenjahre!

Meinung Von Josef Stingl

Alle Jahre wieder: Schulschluss - tausende Hauptschulabgänger drängen in eine Berufsausbildung, sprich Lehrstelle. Positiv, denn eine Untersuchung des AMS besagt, dass Jugendliche mit einem Lehrabschluss bessere Jobchancen haben, also solche ohne. Nur, Lehrstellen sind Mangelware, in allen Branchen, außer dem Gastgewerbe, ist das Lehrstellenangebot weitaus geringer, als die Lehrstellennachfrage. Das Auswahlverfahren hat sich in den letzten Jahren verschärft – wird bei dem Übertritt in eine höhere Bildungsanstalt (Gymnasium, HTL, HASCH, HAK,...) ein hervorragendes Zeugnis erwartet, so werden bei der dualen Berufsausbildung überdies Aufnahmetest bzw. bei einigen Handelsbetrieben so genannte Lehrlings-Castings obligat.

Zukünftige KöchInnen, KellnerInnen und GastgewerbeassistentInnen können sich da schon über die „leicht erworbene“ Lehrstelle freuen. Die Freude wehrt meist aber nur kurz. Die Tourismusbranche ist mit schwarzen Schafen übersäht, der schwarze Tiroler AK-Präsident bezeichnet sie als „Schmarotzerbranche“. Ein Tiroler Haubenlokal beispielsweise sagt seinen „Schnupperlehrlingen“ einen Ausbildungsplatz zu, um aber gleich einzuschränken: „Wir stellen heuer fünf Lehrlinge ein, aber am Ende der Probezeit werden nur zwei behalten. Also gleich zu Beginn der Berufsausbildung eine Lektion in moderner Leistungs- und Ellbogengesellschaft. Perspektiven für Jugendliche? Damit kann UnternehmerIn keinen Profit machen.

Oder: Lehrlinge als billige Hilfskräfte und Negieren der Jugendschutz- und Arbeitszeitgesetze sind im Gastgewerbe mehr Tagesordnung als Ausnahmefälle. Ein Paradebeispiel dazu lieferte der finanzschwächelnde Starkoch Toni Mörwald. Er meinte "vor Wut kochen" zu müssen, weil es ihm nicht erlaubt sei, seine Lehrlinge 12 bis 15 Stunden arbeiten zu lassen.

Für jene die keine Lehrstelle finden bleibt dann das JASG (Jugend-Ausbildungs-Sicherungsgesetz). Dieses sichert aber mehr Subventionen (Blum-Bonus) für Unternehmen, als Förderung von Lehrlingen. Zahlreiche Betriebe warten bis September, Oktober, November zu, um ihre „Regelausbildungsplätze“ zu besetzen. So kassieren sie den Blum-Bonus auch für Lehrlinge, die sie ohnehin eingestellt hätten. Die ÖGJ hat erhoben, dass mit Stichtag Ende Mai 2006 es im Jahresvergleich 3.743 zusätzliche Lehrplätze gab, aber die Blum-Förderung für 11.422 Lehrstellen ausgeschüttet wurde.

Das neue rot-schwarze Regierungsübereinkommen setzt fort, was schwarz-blau-orange begonnen hat. Das Modell, Unternehmen zu subventionieren, die Lehrlinge anstellen soll wiederum verlängert werden. Der Blum-Bonus ist gestaffelt: am meisten erhält ein Unternehmen im ersten Lehrjahr (pro Lehrling 400 Euro monatlich). Um effizienter beim öffentlichen Fördertopf zugreifen zu können, will die neue Regierung die "wechselseitige Kündigungsmöglichkeit am Ende des ersten und zweiten Lehrjahres" schaffen. Klar, dass viele Unternehmen die Lehrlinge gerade dann kündigen werden, wenn sich die Förderung halbiert, nämlich nach dem ersten Lehrjahr. Aber dafür hat die Regierung auch vorgesorgt, denn dann soll es eine "Aufnahmegarantie für den Lehrling in die Erstausbildungsangebote" geben. Sprich: aus der Lehre direkt in die JASG-Maßnahme.

Die Lehrlingsentschädigung, die die Unternehmen dank großzügiger Förderungen ohnehin nur mehr zu einem geringen Teil selbst zahlen müssen, reicht zum Überleben nicht aus. Die junge ÖVP fordert nun ein kollektivvertragliche Mindestlehrlingsentschädigung von 400,– im ersten Lehrjahr. Zum Vergleich, die unter ÖVP-Bundeskanzler geschaffen Lehrlinge in JASG-Maßnahmen erhalten rund 150,– im ersten Lehrjahr.

Was ist nötig aus der Sicht von Lehrlingen und arbeitssuchenden Jugendlichen?

Um der wachsenden Misere der Berufsausbildung wirksam zu begegnen sieht der GLB als Sofortmaßnahme eine Ausbildungsverpflichtung, derzufolge alle Unternehmen in einem bestimmten Prozentsatz der Beschäftigten Lehrlinge ausbilden müssen. Weiters verlangt der GLB eine Berufsausbildungsabgabe gemessen an der Wertschöpfung. Betriebe die sich von ihrer Verpflichtung zur Ausbildung drücken müssen über eine solche Abgabe wenigstens zur Finanzierung von Maßnahmen der betrieblichen oder überbetrieblichen Berufsausbildung wie etwa Lehrwerkstätten beitragen.

Darüber hinaus wird es immer dringlicher eine grundlegende Reform der Berufsausbildung
durch Schaffung von Grund- und Flächenberufen verbunden mit einer gründlichen Entrümpelung der Lehrberufsliste sowie Eingliederung der Berufsausbildung in das allgemeine Bildungswesen mit Abschaffung der derzeitigen Sackgassen anzugehen. Es kann nicht akzeptiert werden, wenn Jugendlichen durch kurzsichtiges Profitdenken mangels Fehlen einer geeigneten Ausbildung die Perspektive für ihr ganzes Leben geraubt wird.

Josef Stingl arbeitet als Koch in Tirol und ist stellvertretender Bundesvorsitzender des GLB