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„Hätten die Zocker Marx gelesen, wären sie beim DKT geblieben"

Meinung Sigi Maron, Urgestein der Wiener Liedermacher-Szene, singt wieder. Und er trinkt noch immer aus Che-Guevara-Tassen. Von Samir H. Köck Die Presse: Wie begann Ihre Plattenkarriere?

Sigi Maron: Meine Vorbilder waren Dylan, Qualtinger und die Sprachkünstler Piron & Knapp. Ich schrieb eifrig Texte gegen den Vietnamkrieg. Wesentlich wurde eine Lesung mit Peter Turrini: Ihm gefielen meine Texte, er schickte sie dem Andre Heller, der mich gleich kennen lernen wollte. Eine Woche darauf waren wir im Austrophon-Studio.

Vor wenigen Jahren wurden Sie als EDV-Spezialist von einer großen Plattenfirma wegrationalisiert. In einem scharfen Brief (siehe http://news.glb.at/news/article.php?story=20060222125425273) haben Sie mit den Managerpraktiken abgerechnet. Aber müssen die Manager nicht Teile zerstören, um ein Ganzes zu retten?

Maron: Das mag in manchen Branchen der Fall sein, dennoch darf Profitmaximierung nicht das höchste Ziel sein. Nur wenn sich Menschen in einem Betrieb wohlfühlen, leisten sie Optimales. Ich weiß, was man in der Musikbranche in den guten Jahren verdient hat, und ich hielt das immer für überzogen. Man kann auch mit einer Handelsspanne von fünf Prozent zufrieden sein. Sie haben als kritischer, linker Liedermacher zwölf Alben für ein Industrielabel gemacht. Ist das nicht ein Widerspruch? Maron: Nein. Damals waren auch die Schmetterlinge mit an Bord, und unsere Rechtfertigung war: Jedes Produkt, das sie mit uns machen, verhindert, dass sie stattdessen Müll produzieren.

1996 haben Sie ihr letztes Album eingespielt. War bei Ihnen die Luft raus, oder gab es kein, Bedürfnis mehr nach linker Utopie?

Maron: Beides. Ich hab einfach zu oft live gespielt. Wahrscheinlich kenn ich alle Volksheime Österreichs. Auch gingen mir die Themen aus. Außerdem dachten viele, dass sich nach dem Ende des Sozialismus paradiesische Zustände einstellen würden. Sieben, acht Jahre später kam eine Phase der Ernüchterung. Als die Menschen wieder aufnahmebereit für meine Art von Liedern waren, musste ich aus Gesundheitsgründen aufhören.

Sehen Sie bei jungen Kollegen heule noch den Drang, die Welt zu verändern?

Maron: Auf jeden Fall! Sogar die Christina Stürmer hat einmal ein Lied über ein Flüchtlingsmädchen gemacht, das ich wirklich gut fand. Und: Kunst verändert immer.

Sie waren - obwohl Rollstuhlfahrer - bei allen Protestbewegungen von Arena über Zwentendorf bis Hainburg dabei. War es damals einfacher, klare Feindbilder auszumachen?

Maron: Das sehe ich nicht so. Aber wir in Österreich schoben damals vieles, was andere Nationen 1968 aufgearbeitet hatten, noch vor uns her. Mit der Arena-Bewegung wurde vieles aufgewühlt, bei Zwentendorf kam es politisch zum '] ragen. Wir waren ja empört über den Glauben, dass es jedes Jahr so und so viel Prozent Wirtschaftswachstum geben müsste, damit es den Menschen besser gehen kann. Stimmt nicht.

Wieso nicht?

Maron: Ich glaub nicht, dass man das Kapital zähmen kann. Eine Grundeigenschaft des Menschen ist die Gier. Sie wird hemmungslos, wenn sie nicht durch Gesetze beschränkt wird. Auch bei uns wurde ja alles zu Silber gemacht, sogar die Wiener Kanalisation. Es gibt ein paar Dinge, die man nicht privatisieren darf, etwa Bildung und Energie.

Reguliert sich der Markt nicht selber?

Maron: Das ist die größte Lüge! Will man darüber reden, sollte man Marx gelesen haben. Bei ihm steht, dass das Kapital ab einer bestimmten Akkumulation implodiert. Hätten die Zocker Marx gelesen, wären sie wohl beim DKT-Spielen geblieben.

Viele Menschen kennen Ihre Stimme - anonym, aus dem Fernsehen: aus dem Möbelhaus-Spot, wo Sie den Satz „Oiso, i find des supa“ sagen. Haben Sie dafür je Geld bekommen?

Maron: Wie ich das zum ersten Mal gehört hab, hab ich 'glaubt, mir zieht es die Schuh aus. Ich hab sofort den (Regisseur) Zenker angerufen und zur Rede gestellt: Das wurde bei „Tohuwabohu" aufgenommen, dann ohne sein Wissen weitergereicht. Wir können nicht einmal klagen, weil die Originalbänder verschwunden sind und der Sager für eine Sprachanalyse zu kurz ist. Das bürgerliche Recht ist halt noch immer nicht für alle da.

Sie haben früher gerne aus Häferln mit Che-Guevara- und Lenin-Bildnissen getrunken. Woraus trinken Sie dieser Tage?

Maron: Erst recht aus Che-Häferln. Momentan besitze ich gar kein Lenin-Häferl. Das hab ich z'sammg'haut, unabsichtlich. Dafür habe ich zwei mit dem Che.

Zur Person: Sigi Maron

Geboren 1944 in Gneixendorf bei Krems. Eine Kinderlähmung zwang ihn in den Rollstuhl. Nach der Matura arbeitete er als Buchhalter. 1973: erstes Solokonzert als Liedermacher. Insgesamt zwölf Alben, drei Hits (z. B. „Geh no net furt"). Comeback-Konzert: 21.1., 19.30, mit den Rocksteady Allstars im Radiokulturhaus.

Quelle: Die Presse, 20.1.2009
Infos: http://www.maron.at/