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Ministerinnenschelte, Medienlügen und Arbeitszeiterhöhung

Meinung Von Dagmar Schulz

Das österreichische Schulsystem ist reformbedürftig, ohne Frage. Einige Fakten in Kurzform: 1)

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die heranwachsende Generation sowie für deren Eltern haben sich grundlegend (Neoliberalismus, Arbeits- und Wohnungsmarkt, Lehrstellenangebot, Medien,…)verändert, ohne dass durch Schulreformen darauf reagiert worden wäre. Obwohl Österreich eines der letzten Länder ist, in dem die Schule der 10- bis 14-jährigen in zwei differenzierende Schultypen (HS/KMS, Gymnasium) gegliedert ist und die „Selektionierung“ de facto mit 9,5 Jahren vorgenommen wird, sind die österreichischen Ergebnisse bei – sicherlich mit Vorbehalt zu betrachtenden - Überprüfungen, wie PISA etc. maximal durchschnittlich. Andererseits verstärkt dieses gegliederte Bildungssystem soziale Benachteiligungen, da der sozialökonomische Status der Eltern einen starken Einfluss auf die Bildungswahl hat. 2)

In den vergangenen Jahren haben sich die Arbeitsbedingungen für LehrerInnen und SchülerInnen verschlechtert: In zwei Sparpaketen 1995 und 2003 wurden unter den SchülerInnen insgesamt 24 Wochenstunden Unterricht gestrichen. Zugleich kam es durch das neue Landeslehrerdienstrecht zu einer Arbeitszeiterhöhung, parallel dazu wurden „Nullohnrunden“ ausgehandelt.

Und schließlich leistet sich Österreich zwei vollkommen verschiedene (und nur wenig kompatible LehrerInnenausbildungen. Die verschiedenen Ausbildungen bedingen in Folge verschiedene Dienstgeber (Land – Bund), verschiedene Dienstrechte und verschiedene Gehaltsschemata. Mit anderen Worten: LehrerIn ist nicht gleich LehrerIn.

Nach Jahren Gehrer’scher Spar- und Verhinderungspolitik begrüßten daher wohl alle vom Schulsystem Betroffenen Reformen. Doch statt Strukturreformen anzugehen, verließ sich Ministerin Schmied auf billigsten Populismus mit Hilfe der Journaille.

Im Bewusstsein, dass jeder/jede schon einmal schlechte Erfahrungen mit einem Lehrer/einer Lehrerin gemacht hat, setzte sie auf die „Politik der Gefühle“, war sich der Unterstützung der Medien sicher (aus eigener Erfahrung weiß ich nun, dass es auch z.B. der „Standard“ mit der Recherche nicht so genau nimmt) und nicht zu schade, die Arbeit einer gesamten Berufsgruppe geringschätzig zu beurteilen und die LehrerInnen (an die 75 Prozent sind weiblich) und Lehrer zu diffamieren.

Worum es wirklich ging und geht?

Nicht um die Wahrheit: Sämtliche(!) publizierten Zahlen (LehrerInnenarbeitszeit, Gehalt, etc.) waren falsch, da es kein einheitliches Dienstrecht gibt – siehe Einleitung! Während man gerne die niedrigstmögliche Stundenzahl verwendete, wurde der Bruttoendlohn angeführt etc. (Die Erklärung des Arbeitszeitmodells der PflichtschullehrerInnen würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, auch dieses wurde falsch zitiert.) 3)

Nicht um die SchülerInnen: Die zusätzlichen zwei Stunden, die die LehrerInnen gratis ableisten sollen, werden nicht ihnen zu Gute kommen, sondern für Prestigeprojekte der Ministerin verwendet werden. Die Maßnahme bedeutet nichts anderes, als dass die LehrerInnen in Hauptschule, AHS und BMHS statt bisher durchschnittlich zwischen 150 und 250 SchülerInnen dann eben durchschnittlich zwischen 175 und 275 SchülerInnen (mindestens eine Klasse mehr) zu unterrichten hätten und stellt sich damit als kalte Sparmaßnahme auf Kosten von SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern dar. Steigende LehrerInnenarbeitslosigkeit ist zu erwarten.

Nicht um die Eltern: Sonst wäre eine flächendeckende Einführung einer Gesamt- und Ganztagsschule ein vordringliches Ziel. Der letzten AK-Studie zufolge geben Österreichs Eltern 140 Millionen Euro jährlich für Nachhilfe aus. Wer dieses Geld nicht aufbringen kann, muss (?) sein Kind also derzeit in eine HS/KMS schicken, wobei in diesem Zusammenhang auch die Frage erlaubt sein sollte, wie qualitativ wertvoll eine Schule ist, die nur dann funktioniert, wenn Unsummen in privaten Parallelunterricht gebuttert werden. So lange es aber „unten“ ein Netz für die Dropouts gibt, kann man „oben“ ungehindert agieren.

Wussten Sie übrigens? …dass der neue EU-Vertrag Kostenfreiheit nur mehr für den Pflichtschulbereich sichert? Die EU-Kommission schlägt ausdrücklich “die Einführung von Schuldgeld oder anderer Gebühren” vor, “um die Finanzierung höherer Bildungseinrichtungen zu unterstützen." (working paper zur Umsetzung der Lissabon-Strategie, Dez. 2004)

Nicht um die LehrerInnen: Die Medienhetze der letzten Wochen ist einer westlichen „Demokratie“ des 21. Jahrhunderts nicht würdig. KollegInnen wurden in der Öffentlichkeit(!) wegen ihrer angeblichen Faulheit und ihrer Privilegien beschimpft. Die – sowieso nur zögerliche Vertretung der Interessen durch eine (ebenfalls reformbedürftige, keine Frage!) Gewerkschaft wurde als Reformunwilligkeit diffamiert, gewerkschaftliche Maßnahmen wie Streik sollen möglichst ohne Behelligung der Öffentlichkeit statt finden – all dies unter dem Applaus von denen, die es als nächstes treffen kann und wird. Langsam, nur langsam wird es doch einigen ArbeitnehmerInnen klar, dass es sich hier um eine in der Zweiten Republik noch niemals da gewesene Erhöhung der Arbeitszeit um etwa 10 Prozent handelt, die auf keinen Fall ohne gewerkschaftliche Gegenmaßnahmen hingenommen werden kann!

Nicht um die Verbesserung des Schulsystems: Wie soll das Schulsystem verbessert werden, wenn die im Dienst befindlichen LehrerInnen zu ihrer derzeitigen Belastung noch weitere Stunden unterrichten sollen, statt diese Stunden zur Vorbereitung, Weiterbildung, Kooperation, etc. zu verwenden? Obwohl das Auseinanderdividieren von jungen – angeblich „hochmotivierten“ (in Wahrheit aber für den Dienstgeber billigeren) LehrerInnen und alten „ausgebrannten“ (Warum wohl?) tunlichst vermieden werden sollte, muss man doch anmerken, dass eine altersmäßige Durchmischung der Lehrkörper an den Schulen wünschenswert wäre. Auch dies wird durch die Schmied’schen Pläne wohl verhindert.

Wurden die LehrerInnen also „geopfert“, um Schmieds Unfähigkeit, eine deutliche Ausweitung des Bildungsbudgets zu erreichen, zu korrigieren? Oder muss der Angriff auf diese Berufsgruppe in noch größerem Zusammenhang als „Versuchsballon“ gesehen werden für die bereits vorbereiteten Angriffe auf andere Beschäftigtengruppen (PostlerInnen, JuristInnen...), PensionistInnen und Arbeitslose? Finanzminister Prölls Drohung mit einem „extrem restriktiven Kurs“ beim Budget und dessen Geheimhaltung lassen diesbezüglich Schlimmes befürchten.

Solidarität und gemeinsamer Kampf sind daher unumgänglich. Ebenso wichtig ist es aber, Meldungen der Mainstream-(aber auch „Qualitäts-) Medien kritisch zu hinterfragen und sich nicht auseinander dividieren zu lassen. Dies (oder so ähnlich) sagte übrigens schon meine Geschichtslehrerin.

Dagmar Schulz ist Diplompädagogin und unterrichtet an einer KMS in Wien

1) Genauere Analysen und mehr Fakten auf http://logo.kpoe.at/news/index.php?topic=bildung
2) Zitiert nach dem Armutsbericht der Statistik Austria.
3) Lesen Sie, wie die LehrerInnen schon einmal über den Tisch gezogen wurden: http://193.171.252.18/www.lehrerweb.at/bild_inst/za_aps/LDG_neu_2006_1.pdf