Willkommen bei GLB - Gewerkschaftlicher Linksblock in ÖGB und AK

„Gute Arbeit“ – „Gutes Leben“

Meinung Von Peter Fleissner

„Gute Arbeit“ ist in aller Munde, vor allem im Deutschen Gewerkschaftsbund. Was „Gute Arbeit“ sein soll, ist einerseits eine Frage der individuellen Einschätzung, andererseits hängt „Gute Arbeit“ auch immer mit „Gutem Leben“ zusammen. Davon handelt dieser Beitrag. Bleiben wir zunächst bei der „Guten Arbeit“. Der DGB misst sie wissenschaftlich durch Befragung von Beschäftigten: „Der DGB-Index Gute Arbeit basiert auf einem arbeitswissenschaftlich fundierten analytischen Verfahren, das in praktischer Absicht durchgeführt wird. Die Urteile und Ansprüche der Beschäftigten repräsentativ zu erheben, um die Ergebnisse für die Gestaltung der Arbeitswelt im Sinne Guter Arbeit verfügbar zu machen, lautet das Konzept.“

Die Ansprüche der Beschäftigten

„Gute Arbeit“ wird vom DGB als eine Arbeit definiert, die den Ansprüchen der Beschäftigten gerecht wird. Damit ist eine erste wichtige Aussage getroffen: Die Qualität der Arbeit soll nicht von ExpertInnen oder PolitikerInnen, sondern von den Betroffenen selbst beurteilt werden können. Und wie beurteilen die Betroffenen ihre Arbeit? 88 Prozent der deutschen Beschäftigten sagen, ihre Arbeit ist mittelmäßig oder schlecht, nur 12 Prozent stellen fest: „Ich habe eine gute Arbeit“.

Die wichtigsten Eigenschaften einer „Guten Arbeit“ sind nach der Erhebung des DGB der „Sinngehalt der Arbeit“, gefolgt von „Kollegialität“ und von der „Gestaltung der emotionalen Anforderungen“ (was auch immer das heißen soll), schlechte Arbeit ist durch niedrige Einkommen, durch geringe Aufstiegsmöglichkeiten, schlechte berufliche Zukunftsaussichten und Arbeitsplatzunsicherheit gekennzeichnet.

Vereinbarkeit als Messlatte

Liest man in den Ergebnissen der Untersuchung genauer nach, wer die schlechteste Arbeit hat, sind es die prekär oder befristet Beschäftigten. Für die ÖsterreicherInnen fand die GfK Sozialforschung heraus: „Weder die Arbeit noch die Freizeit alleine geben dem Leben Sinn, sondern es ist die Ausgewogenheit dieser beiden Lebensbereiche. Die Arbeit soll natürlich ein Einkommen sichern, mit dem man das Auslangen findet. Eine „gute Arbeit” zeichnet sich aber auch durch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus.“

Der für Österreich schon seit 13 Jahren von der Arbeiterkammer erhobene Arbeitsklima-Index liegt im Mai 2010 für die Beschäftigten in Industrie, Gewerbe und Handel auf dem tiefsten Stand seit 2007, nur für Beschäftigte in der Verwaltung nimmt er den höchsten Wert an. „Die Krise hat in Industrie und Gewerbe deutliche Spuren hinterlassen. Lag der Arbeitsklima Index im Herbst 2007 dort noch bei 113 Indexpunkten, so fiel er bis zum Herbst 2009 auf 108 und liegt derzeit bei 106 – ein Rückgang um sieben Indexpunkte!

Mit Verzögerung hat auch der Arbeitsklima Index im Handel eine ähnliche Entwicklung genommen – nach 111 Indexpunkten ist der Wert auf derzeit 105 gefallen. Eine gegenläufige Entwicklung zeigt sich bei den Beschäftigten im Bereich Verwaltung: Nach 113 Indexpunkten im Herbst 2007 fiel der Wert im Herbst 2008 auf 110. Er stabilisierte sich jedoch und ist im Frühjahr 2010 auf erstaunliche 117 Indexpunkte gestiegen.“

Arbeitsplatzsicherheit wichtig

Was lässt sich daraus schließen? Wie die positive Einschätzung der Beschäftigten in der Verwaltung und die negative Einschätzung der prekär oder befristet Beschäftigten nahelegt, ist die „Sicherheit des Arbeitsplatzes“ ein zentraler Bestandteil einer „Guten Arbeit“. Zusätzlich sollte auch der Sinngehalt der Arbeit passen (ist meine Arbeit gesellschaftlich nützlich?) und die KollegInnen sollten kooperativ sein.

Angesichts dieser Tatsachen müssen sich die Gewerkschaften und Betriebsräte umso mehr für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen einsetzen und die Mitwirkungsrechte in den Betrieben bis hin zu einer funktionsfähigen Betriebsdemokratie ausweiten. Soweit, so gut.

Aber das ist nur eine Seite der Medaille, die ausschließlich Beschäftigte betrifft, die einen Arbeitsplatz haben. Die Krise zeigt hingegen deutlich, und nicht nur in Österreich, dass die Arbeitslosigkeit, die Teilzeit- und prekär Beschäftigten in den letzten Jahren stark angewachsen sind. Vollbeschäftigung wie in den 1970er Jahren ist unter den herrschenden Bedingungen (d.h. ohne radikale Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich) nicht mehr zu erwarten.

Die working poor werden immer mehr, das sind Beschäftigte, die zwar einen Arbeitsplatz haben, aber zu wenig für ein „Gutes Leben“ verdienen. Daneben ist die ungleiche Verteilung der Arbeit und die entsprechende Bezahlung, die Aufteilung in überbezahlte, bezahlte und unbezahlte Arbeit ein langfristiger Skandal (man denke an die Bonuszahlungen an Bank- und Fondsmanager einerseits und an Arbeitslose und Menschen, die völlig ohne Bezahlung Pflegetätigkeiten und Hausarbeit leisten, andererseits).

Eine neuere Untersuchung der Schweizer Ökonomin Mascha Madörin hat gezeigt, dass die Mehrheit aller Arbeiten (gemessen in Arbeitsstunden, nicht in Entgelt), die in der Schweiz und in Deutschland geleistet wird, im Pflege- und Haushaltsbereich vorwiegend unbezahlt erfolgt. Solche Ungerechtigkeiten sollten in Zeiten des Umbruchs nicht als Ballast in die Zukunft mitgenommen werden. Sie gehören beseitigt.

Die Zukunftsaussichten sind nicht rosig: Die Lohnquote (der Anteil der Lohneinkommen am gesamten Volkseinkommen) ist 2009 in Österreich auf einem Tiefststand, was bedeutet, dass die Nachfrage nach Konsumgütern eher über den Export als im Inland laufen wird. Die Exporte sind aber für die EU-Länder unter Krisenbedingungen die schwächsten Elemente der Nachfrage. Gleichzeitig drohen als Effekt der Finanzkrise und der folgenden hohen Staatsverschuldung Sparmaßnahmen. Das Finanzkapital nimmt den Staat in Geiselhaft, um seine Profitwünsche zu befriedigen. Die Steuerzahler werden letztlich zur Kasse gebeten. All das wird das Wirtschaftswachstum und damit die Schaffung neuer Arbeitsplätze nicht eben fördern.

Dazu kommt, dass mittelfristig starke Einschränkungen auf den Öl- und vielen anderen Rohstoffmärkten zu erwarten sind. Dem Kapitalismus geht die billige Energie aus. Zählt man zwei und zwei zusammen, ergibt sich, dass die Verteilungskämpfe an Intensität zunehmen werden und in den nächsten Jahren schlechte Zeiten zu erwarten sind.

Die Politik ist gefordert

Da sich die Arbeitsplatzprobleme kaum innerbetrieblich lösen lassen werden, ist die Politik gefordert, mit neuen Konzepten eine Wende einzuleiten, die eine gerechtere Verteilung aller Arbeiten, nicht nur der Lohnarbeit, mit sich bringt.

Die Einführung eines Grundeinkommens mit Zusatzmaßnahmen zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhangs der Menschen wäre eine denkbare Alternative, die mit der demokratischen Kontrolle der Finanzmärkte verbunden werden könnte. Ökonomische Studien zeigen, dass ein Bedingungsloses Grundeinkommen durch progressive Steuern durchaus finanzierbar wäre. Begleitmaßnahmen müssten Anreize für soziale, politische, Bildungsarbeit, Wissenschaft und Kunst geben, aber auch dafür, dass die Arbeitsaufteilung nach Geschlechtern, die bisher zu Lasten der Frauen ging, in Zukunft gerechter verteilt wird.

Im Bereich der Ökonomie muss die Politik Veränderungen vornehmen. Die Spekulation mit Derivaten und Rohstoffen muss verboten werden, Schuldenaufschub und Schuldenerlässe für Staats- und Privathaushalte wären hilfreich, eine gut durchdachte Sozialisierung der Banken und ihrer Funktionen (Geldtransfer, Einlagen- Kontenverwaltung, Kreditvergabe) durch demokratisch gestaltete und der Öffentlichkeit verantwortliche Einrichtungen könnte mit einem Schlag die Staatsverschuldung deutlich senken und den Spielraum für sozialpolitische Maßnahmen erweitern.

Die Politik wird aber ohne entsprechende und mit Nachdruck vertretene Forderungen breiter Bevölkerungsschichten, allen voran der arbeitenden Menschen, nicht aktiv werden. Daher wäre ein breit angelegter Diskussionsprozess nötig, der lebenswerte Alternativen und einen neuen politischen Kurs hervorbringen soll. Die Gewerkschaften könnten dazu ihren Beitrag leisten. Über das „Gute Leben“, das sich dann einstellen würde, wäre auch die „Gute Arbeit“ nachhaltig gesichert.

Peter Fleissner, Vorsitzender von transform!at (http://transform.or.at). Kontakt: fleissner@arrakis.es

http://www.dgb-index-gute-arbeit.de/gute_arbeit
http://www.dgb-index-gute-arbeit.de/dgb-index_2009
http://www.dgb-index-gute-arbeit.de/
http://www.hafawo.at/beruf-und-karriere/pressespiegel-arbeit-und-beruf-in-osterreich/
http://www.arbeiterkammer.com/online/arbeitsklima-index-mai-2010-55010.html