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Südafrika: Hinter den Kulissen der Fußball-WM

International Von Walter Sauer

Nun ist sie also da, die Fußball-WM in Südafrika – ein Mega-Event für den Sport, die Medien und nicht zuletzt für den Kommerz.

Allen Unkenrufen zum Trotz wurden die Stadien punktgenau fertiggestellt, bewährt sich die komplexe Organisation reibungslos, ist die Stimmung phantastisch. In den Augen des internationalen Fußballverbandes FIFA ist ein erfolgreicher Abschluss der WM schon absehbar. Hinter den Kulissen

Aber werden Südafrikas Demokratie und Wirtschaft gestärkt aus dem Trubel hervorgehen? Trägt die WM zu einer nachhaltigen sozialen Entwicklung in Südafrika bei? Die Antworten darauf fallen unterschiedlich aus.

Zweifellos ist der Umstand, dass die WM in Südafrika – und somit erstmals auf dem afrikanischen Kontinent – stattfindet, für den bis zu den ersten freien Wahlen 1994 politisch und sportlich isoliert gewesenen Staat am Kap positiv. Die WM setzt einen spektakulären Schlusspunkt unter seine schrittweise Wiedereingliederung in die internationale Sportwelt. Gleichzeitig geht es auch um eine Leistungsschau nach eineinhalb Jahrzehnten Demokratie: Nicht nur ist der von vielen prophezeite Bürgerkrieg nach Jahrzehnten der Diskriminierung der schwarzen Mehrheitsbevölkerung („Apartheid“) ausgeblieben.

Stattdessen wurde ein Prozess zur Errichtung einer „nicht-rassistischen“ und „nicht-sexistischen“ Demokratie in Gang gesetzt, der weltweit seinesgleichen sucht. Ausdruck dessen war Mandelas historische Versöhnungspolitik zwischen Schwarz und Weiß ebenso wie die von Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu geleitete Versöhnungskommission zur Aufarbeitung der schweren Menschenrechtsverbrechen der Apartheidepoche.

WM als Info-Input

Das Kalkül, über die Sportberichterstattung auch Informationen über die Geschichte, den Freiheitskampf oder die gesellschaftspolitische Entwicklung Südafrikas an andere Zielgruppen als die (entwicklungs-) politisch ohnehin Interessierten zu vermitteln, scheint aufzugehen. Sogar die Berichterstattung in Österreich ist, abgesehen von wenigen Ausnahmen, erstaunlich vielfältig und seriös geworden (wozu nicht zuletzt der Afrika-Schwerpunkt im ORF beigetragen hat).

Wahrscheinlich bleibt die globale Imagewerbung aber auch der einzige Gewinn für Südafrika. Denn hinsichtlich der volkswirtschaftlichen Auswirkungen der WM sieht es nicht so positiv aus. Sicher hat das Fußballtournier zumindest für die Infrastruktur des Landes einen überfälligen Modernisierungsschub gebracht. Zehn große Stadien sowie mehrere Flughäfen wurden entweder neu errichtet oder ausgebaut, eine neue Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Flughafen und Nobelviertel von Johannesburg wurde gebaut (und soll bis Pretoria verlängert werden), massive Investitionen in die Telekommunikation wurden getätigt. Und als ein lange geforderter Beitrag zur Verkehrssicherheit ging in Johannesburg ein neues Autobusnetz in Betrieb, und zwar erstmals wieder in kommunaler, nicht privater Trägerschaft.

Der Boom blieb aus

Jedoch: Wohl die meisten der neugeschaffenen Arbeitsplätze haben kurzfristigen Charakter – so in der Bauwirtschaft, wo zwar die fix angestellten Arbeiter durch Streiks Lohnerhöhungen (12 Prozent) und einen guten Kollektivvertrag durchsetzen konnten, die meisten prekär Beschäftigten jedoch nach Fertigstellung der Stadien wieder arbeitslos wurden. Deren Baukosten liegen – auch, aber nicht nur wegen der Lohnsteigerungen – weit über dem knapp kalkulierten Voranschlag, die Bauten selbst werden vermutlich als „weiße Elefanten“ in der Gegend stehen bleiben, weil sie für den lokalen Bedarf zu groß sind und auch kaum dort errichtet wurden, wo die fußballbegeisterten Massen wohnen.

Weder ist der erhoffte Boom im Tourismussektor eingetreten, noch gab es für Klein- und Mittelbetriebe, geschweige denn Straßenhändler/innen positive Effekte. Gerade eine Belebung der informellen Wirtschaft wäre angesichts der Unzufriedenheit in den Townships allerdings wichtig gewesen. Nicht, dass Südafrika solche positiven Auswirkungen der WM nicht angestrebt hätte – in vielen Fällen war es das rigide (und durch die Sicherheitspanik noch verschärfte) Reglement der FIFA, das dieselben verhinderte.

Wer profitiert?

Südafrika vermutlich nicht. Aber schon eine Woche vor Beginn der Spiele ließ die FIFA die Presse wissen, der Reingewinn aus der WM 2010 liege um 50 Prozent über jenem aus der WM in Deutschland...

Für die Bewältigung der großen sozialpolitischen Herausforderungen, die nach dem Ende der Apartheid verblieben sind, hat die WM also vermutlich wenig Relevanz. Freilich ist auch das „Wir-Gefühl“, das Südafrikaner/innen über die Grenzen von Hautfarben, politischen Parteien und Ideologien hinweg zusammenführt, stabilitätspolitisch wertvoll und im Rahmen der südafrikanischen Innenpolitik ein seit längerem vermisster positiver Faktor.

Langfristig wird der Prozess der Herausbildung einer südafrikanischen Identität aber nur dann gelingen können, wenn sich auch die materiellen Gegensätze zwischen einer (wenngleich seit 1994 gewachsenen) wohlhabenden Minderheit und einer armen Mehrheit verringern. Damit steht die Veränderung der von der früheren Rassendiskriminierung geschaffenen ungleichen Besitz- und Vermögensverhältnisse auf der Tagesordnung: Landreform, eine umverteilende Steuerpolitik, berufliche Qualifizierung für bisher benachteiligte Gruppen, eine stärker an inländischer Wertschöpfung orientierte Wirtschaftspolitik (inklusive Regeln für ausländische Investoren) an Stelle einer weitgehenden Marktöffnung im Zeichen der „Globalisierung“.

Tiefgreifender Richtungsstreit

Hinter den Kulissen der Weltmeisterschaft wird, so hat man den Eindruck, für einen tiefgreifenden Richtungsstreit diesbezüglich gerüstet (ein Streit, der sich – angesichts einer satten Zweidrittelmehrheit im Parlament – vorwiegend innerhalb des regierenden African National Congress abspielt). Auf der einen Seite stehen hier die Vertreter/innen einer neureichen schwarzen Elite, die einer Fortsetzung des bisherigen Kurses, verbunden mit populistischer Rhetorik, das Wort reden.

Auf der anderen Seite treten die Gewerkschaften – so der Congress of South African Trade Unions (COSATU)) –, die mehrere Minister stellende Kommunistische Partei sowie linke NGOs für einen Richtungswechsel zugunsten Umverteilung ein. In welche Richtung der Kurs geht, wird sich also vermutlich schon bald nach Verklingen des letzten WM-Schlusspfiffes zeigen.

Walter Sauer ist Internationaler Sekretär des ÖGB. Weitere Informationen: Dokumentations- und Kooperationszentrum Südliches Afrika (www.sadocc.at)