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Ein Leserbrief von Josef Stingl an ÖGBaktuell

Meinung Werter Präsident, liebe KollegInnen Vorstandsmitglieder! Ich wundere mich, im neuen ÖGBaktuell habe ich vom aktuellen Grundsatzpapier des ÖGB-Vorstands zur Ausbildungspflicht gelesen. Grundsatzbeschlüsse werden hinter verschlossenen Türen im Präsidium (Vorstand) und nicht mehr im Bundesvorstand - mit allen vertretenen Fraktionen - diskutiert und beschlossen? Ist das der neue „demokratische Weg“ nach dem Reformkongress vor vier Jahren?
Liebe KollegInnen der ÖGB Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, liebe verantwortlichen Redakteure des ÖGB-Nachrichtendienstes, gewerkschaftspolitisch katastrophal empfand ich den Kommentar im „Winkerl“ von Kollegen Florian Kräftner und den Bericht auf Seite 2 in der ÖGBaktuell-Ausgabe Nr. 3381 vom 8. April 2011 bezüglich Ausbildungspflicht für Jugendliche.

Die staatliche Ausbildungsgarantie für Jugendliche ist gescheitert und soll jetzt mit Zustimmung des ÖGB in eine Ausbildungspflicht umgewandelt werden? Furchtbar, denn kommen trotz Ausbildungsgarantie junge Menschen zu keiner Berufsausbildung hat „die Politik“ versagt, bei einer Ausbildungspflicht bekommen aber die betroffenen Jugendlichen den „Schwarzen Peter“ selbst zugeschanzt und das mit Hilfe ihrer eigenen Interessensvertretung. (Und dem „sozial“demokratischen Sozialminister Hundstorfer ist diese „Schubumkehr“ ist gar so wichtig, dass er laut über die Streichung der Familienbeihilfe nachgedacht hat)

Tragisch, dass auch „meine GewerkschaftfunktionärInnen auf den „Hundstorfer-Schmäh“ hereinzufallen und Koll. Kräftner in seinem Kommentar offensichtlich auch die Schuld bei den Jugendlichen selbst findet. Er schreibt: „...sie lernen freiwillig weiter, ... 6.000 pro Jahr machen aber nicht weiter. … Sie sollen gezwungen werden,...“. Und im Beitrag auf Seite 2 wird unser Präsident Foglar folgend zitiert: „Wir haben zu viel, die aus dem Schulsystem kommen und nicht in der Lage sind, eine Berufsausbildung zu beginnen.“

In beiden angesprochenen Beiträgen ist kein Wort zu den vorherrschenden Lehrstellen-Rahmenbedingungen der Wirtschaft mit dem negativen Verhältnis der Lehrstellenangebote zu den Lehrstellensuchenden zu finden. Kein Wort auch dazu, dass sich diese Misere auch nicht mit „McJobs“-Schmalspurlehren, noch mit den aus dem Hut gezogenen „Transitausbildungsstätten“ diverser, und oft nur als dubios zu bezeichnender Vereine und Projekte verleugnen lässt...

Frage: Warum finden die meisten der jährlich rund .betroffenen Jugendlichen keinen Ausbildungsplatz: Weil sie keinen Bock auf Weiterbildung haben oder weil sie keine Lehrstelle entsprechend ihres Berufswunsches finden? In dieser Situation einen Ausbildungszwang - noch dazu ohne Veränderung des herrschenden Lehrstellenmangels - zu verlangen erinnert an eine Zeit mit „Ordentlicher Beschäftigungspolitik“ und der dazugehörigen „Arbeitspflicht“: Der „faule (jugendliche) Pöbel“ muss „sinnvoll“ - mit einem gerade im Augenblick(!) von der „Wirtschaft“ angebotenen Lehrstellenplatz - zwangsbeschäftigt werden!

Und unser Ex-Kurzzeit-Präsident Hundstorfer setzt dazu auch noch auf „Sippenhaftung“: Den Eltern jener, die sich dieser Zwangsverpflichtung verweigern, soll die Familienbeihilfe gestrichen werden. So sind die „jugendlichen Faulpelzen“ sicherheitshalber auch dem gegebenen familiären Druck (inklusive etwaiger Repressalien) ausgesetzt!

Ist unsere Forderung zur „Ausbildungsverpflichtung für Unternehmen mittels verpflichtenden Ausbildungsquoten in Vergessenheit geraten? Oder entspricht das Verlangen nach einen Ausbildungsfond zugunsten außerbetrieblich organisierter Lehrwerkstätten, finanziert über die Ausbildungsverweigerer der Wirtschaft nicht mehr gewerkschaftlichen Zeitgeist?

Mit kämpferischen Grüßen
Josef Stingl
Bundesvorsitzender der GLB
und Mitglied des ÖGB-Bundesvorstandes