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Gleichberechtigte Sozialpartnerschaft?

Service Von Anne Rieger

Erstmals steht in Österreich die Arbeit von Betriebsratsmitgliedern im Zentrum einer qualitativen Untersuchung. Becksteiner u. a. befragten Betriebsratsmitglieder und GewerkschaftssekretärInnen in zweistündigen Interviews.

Die täglich im Betrieb auftretenden Probleme in einer transnationalen Handelskette wurden bearbeitet. Die ForscherInnen nehmen die Sichtweise der Betriebsratsmitglieder als Ausgangspunkt der Untersuchung, nicht die einer „unehrlichen Neutralität von Wissenschaft“. Die beiden zentralen „kulturellen“ Praktiken der Sozialpartnerschaft - Vertrauensbeziehungen und Verrechtlichung auf betrieblicher Ebene - werden durchleuchtet. Kritisch wird die Auswirkung der veränderten Herrschafts-, Handlungs- und Kommunikationsstrategien der Konzernzentralen auf diese Handlungsmöglichkeiten der Betriebsräte und Gewerkschaften untersucht. Vormals erfolgreiche Durchsetzungsmöglichkeiten werden in den veränderten gesellschaftlichen Machtverhältnissen nüchtern hinterfragt.

Die von den Interviewten wahrgenommene Veränderung des Machtgefüges zwischen Betriebsbürokratie und Interessenvertretung der abhängig Beschäftigten lassen sich auf andere Branchen übertragbar. Das zeigte die Diskussion der Ergebnisse mit VertreterInnen der GPA/djp und Betriebsratsmitgliedern anderer Branchen.

Wie ein Krimi liest sich das dritte Kapitel in dem die Konzernbedingungen, die Arbeitsverhältnisse, die Probleme der Betriebsratsmitglieder im Betrieb, im Betriebsratskollegium und ihre Stellung zwischen Betrieb und Gewerkschaft dargestellt werden. Die ForscherInnen identifizieren u.a. eine betriebliche Bürokratie, die über Befehl und Vorgaben agiert, subtiler und effizienter aber über “spezifisch gestaltete Anreizsysteme, die die Beschäftigten dazu animieren, die Arbeitsabläufe selbst zu optimieren.“

Über allem steht die scheinbar rationale Logik der ökonomischen Kennzahlen. Sie führt dazu, dass die Betriebsleitung ohne Zwang auszuüben, eine Verdichtung der Arbeitsgeschwindigkeit und der Arbeitszeit erreicht. Durch gezielte Lenkungseffekte werden die autonomen Gestaltungsmöglichkeiten der Beschäftigten gravierend beschränkt. Zusätzlich werden durch technische Neuerungen, permanente Unterbesetzung, verlängerte Öffnungszeiten – also durch Zwang - die Arbeit intensiviert.

Häufig stehen die Betriebsratsmitglieder diesen und anderen beschriebenen Prozessen relativ hilflos gegenüber. Warum, werfen die AutorInnen die Frage auf, können Betriebsräte und Beschäftigte der permanenten Beschallung der Wettbewerbslogik zu wenig entgegensetzen? Betriebliche Handlungsräume – frei von der Konzernherrschaft, die erlauben würden, alternative Deutungen der sozialen Realität gemeinsam zu erarbeiten, fehlen. Warum werden sie nicht organisiert?

Das gezielte strategische Vorgehen der Geschäftsleitung Betriebsratsmitgliedern ihre Arbeit zu erschweren und sie innerhalb des Betriebes an den Rand zu drängen, ist nur eine Antwort. Beispiele sind das Schaffen einer Atmosphäre, die die Arbeit der Betriebsräte nicht anerkennt oder sie direkt oder indirekt vor die Wahl zwischen Karriere oder Betriebsratstätigkeit stellt.

Schwerer wiegt der informelle Einfluss einer übermächtigen Konzernhierarchie mittels der Betriebsbürokratie. Die wichtigste Praxisform der Sozialpartnerschaft, das Vertrauensverhältnis, setzt umfassende und rechtzeitige Information voraus. Da die Betriebsratsmitglieder kaum mehr dauerhafte AnsprechpartnerInnen vor Ort haben, diese ständig rotieren und nur mehr über sehr eingeschränkte Entscheidungsbefugnisse verfügen, sind die Interessenvertreter permanent gezwungen innerhalb der Bürokratie ständige Netzwerkarbeit zu leisten, um nur ansatzweise an notwendige Infos zu kommen. Die Praxis der Vertrauensbeziehung wird auf der untersten Ebene entwertet – ihre Wirkung reduziert sich, bei gleichzeitig höherem Aufwand für die Betriebsratsmitglieder. Zeit, kollektive Kommunikation mit den Beschäftigten zu organisieren, wird so zunehmend beschnitten.

Die Untersuchung zeigt weitere Sperrfeuer des Managements gegen die Sozialpartnerschaft. Auch das Problem der schwindenden Identifikation mit der Gewerkschaft wird thematisiert. Damit verringern sich der kollektive Einfluss der Beschäftigten und ihrer betrieblichen und gewerkschaftlichen Interessenvertreter und die Gestaltungsmöglichkeiten der Gewerkschaften in der Gesellschaft.

Einen Änderung, so die Schlussfolgerung, können nur aktivierte Belegschaften in den Betrieben sein, denn die Konflikte verlagern sich zunehmend auf diese Ebene. Die Kollektivierung der Konfliktfähigkeit auf diese Ebene erfordere aber, die gewerkschaftliche Praxis neu zu gestalten. Kein leichtes Unterfangen angesichts der jahrzehntelangen Konzentration der österreichischen Gewerkschaften auf das institutionelle Machtpotential.

Da sowohl Untersuchung als auch Veröffentlichung von GPA-djp und ÖGB unterstützt wurde, ist mit dieser Veröffentlichung ein erster Schritt für einen sicher langwierigen Lernprozess zu sehen, um die Durchsetzungsfähigkeit von Beschäftigten, ihren Betriebsräten und Gewerkschaften zu steigern.

Anne Rieger ist GLB-Aktivistin in der Steiermark

Mario Becksteiner, Elisabeth Steinklammer, Florian Reiter, Betriebsratsrealitäten, Betriebliche Durchsetzungsfähigkeit von Gewerkschaften und Betriebsräten im Kontext der Globalisierung, ÖGB Verlag, 24,90 Euro