Willkommen bei GLB - Gewerkschaftlicher Linksblock in ÖGB und AK

Vernetzte kritische Wissenschaft

Aktionen Von Peter Fleissner

Durch Kooperationen international vernetzter Wissenschafter/innen werden aktuelle Zukunftsfragen erörtert und eine Weiterentwicklung marxistischer Theorie und Analyse betrieben.

Der österreichische Verein transform.at (http://transform.or.at) hat das Ziel, die mit der Arbeiter/innenbewegung verbundenen Intellektuellen aller Disziplinen zu vernetzen, das theoretische und praktische Wissen zu verbessern sowie die strategische Kompetenz und ihren Alltagsbestand zu bündeln, um gegen den allgegenwärtigen Neoliberalismus und gegen rechte Tendenzen auftreten zu können. Damit das nicht nur ein kleiner österreichischer Impuls bleibt, arbeitet transform.at, ein Kleinstverein im europäischen Maßstab, mit dem internationalen Netzwerk transform! european network for alternative thinking and political dialogue zusammen. Unsere Aktivitäten sind daher nicht nur auf Österreich bezogen, sondern umfassen auch internationale Kooperationen und die wissenschaftliche Weiterentwicklung marxistischer Theorie. Die Arbeiter/innenbewegung braucht Verbündete auf allen Ebenen, und wir versuchen, auf der wissenschaftlichen Ebene der Theorienbildung mitzuwirken.

Wir bemühen uns um vertrauensbildende Maßnahmen und um eine stärkere Vernetzung zwischen linken und fortschrittlichen Organisationen. Die Charakterisierung „links" wird oft zu eng gemeint oder verstanden. Wir müssen aus diesem „linken Eck" herauskommen, wollen wir nicht immer, so wie heute, nur 20 Leute sein (obwohl das auch Vorteile hätte). Wir sind in Österreich als Verein kaum sichtbar, treffen uns aber einmal im Monat in unserem Vorstand und vereinbaren, was wir tun werden, mit welchen anderen Initiativen wir uns koordinieren. Dort wirken wir dann individuell, aber als Angehörige von transform.at mit.

Wir sind zum Beispiel über das von Eva Brenner geleitete Experimentaltheater Fleischerei (siehe mitbestimmung 3/2004, Seiten 11 ff., 3/2007, Seite 18, und 1/2011, Seite 35f; d. Red.) mit Künstler/inne/n vernetzt. Der Freimaurerverein Terra Humana mit Sitz in der Hofburg hat mich 2009 eingeladen, über marxistische Ökonomie einen Vortrag zu halten; das war für mich wirklich überraschend. Nicht so überraschend sind unsere Kooperationen mit dem Kommunistischen Studentenverband - Linke Liste, mit dem marxistisch-christlichen Lesekreis im Albert Schweitzer-Haus, den wir regelmäßig frequentieren, und einem langjährigen Arbeitskreis mit der katholischen Fokolarbewegung. Dann gibt es Einladungen zu Referaten und Diskussionen, zum Beispiel von der Fachhochschule St. Pölten über „Sinn und Erfahrungen kritischer Ökonomie", von der Armutskonferenz, vom Verein kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (KRIBIBI) (siehe mitbestimmung 3/2011, Seiten 3ff.; d. Red.), zu Veranstaltungen am Renner-Institut, an der Volkshochschule Brigittenau, am Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Zentrum der Universität Graz und am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg, letztere zu neueren Konzeptionen marxistischer Ökonomie.

Ein schöner Erfolg war eine Veranstaltung zur Erwachsenenbildung gemeinsam mit Grünen, Sozialdemokratinn/en und Gewerkschafter/inne/n in der Wiener Arbeiterkammer. Auf Initiative der europäischen transform!-Vereinigung veranstalteten wir gemeinsam in der Diplomatischen Akademie ein Seminar über Felix Kreissler, einen fast vergessenen Österreicher, der vor dem Faschismus emigrierte.

Mit einem Podiumsgespräch über Möglichkeiten einer politischen Linken in Österreich wollten, wir auf dem Volksstimme-Fest die verschiedenen linken Gruppierungen zum Gespräch miteinander bringen. Das ist leider nicht besonders gut gelaufen. Anstelle eines Gedankenaustausches hat jede/r nur vor sich hin geredet und die jeweils eigene Position vertreten. Unser Fazit: Bevor nur irgendwie der große Gedanke einer neuen Linkspartei gedacht werden kann, muss das psychologische Klima zwischen den Gruppen verbessert werden. In den vergangenen Jahrzehnten sind bei Linken, die nie Anerkennung gefunden haben, viele Wunden geschlagen worden. Das äußert sich in psychisch auffälligem Verhalten. Fast in jeder Sitzung gibt es irgendjemanden, die/der sich ausweint oder irgendeine/n anderen beschimpft, obwohl die/der nichts dafür kann. Das zu beheben, ist schweißtreibend und kostet Nerven.

Unsere Kooperationsversuche und vertrauensbildenden Maßnahmen haben sich besonders auf das Forum Soziale Gerechtigkeit (FOSOG) erstreckt. Seit September 2010 wirken wir dort intensiver mit und konnten gemeinsam inhaltliche Schwerpunkte der heutigen politischen Debatte thematisieren, die auch in der marxistischen Theorie und vor allem in der politischen Praxis eine Rolle spielen. So wurden mit eingeladenen Expertinn/en demoskopische Aspekte der Wiener Gemeinderats- und Landtagswahlen 2010, das österreichische Budget 2011, die Weltklimakonferenz 2010 in Cancun, die Vermögensverteilung in Österreich oder die Energiesituation nach dem Peak Oil diskutiert.

Themenkampagnen

Peak Oil, die höchste jährliche Fördermenge in der Geschichte des Erdöls, dürfte wahrscheinlich schon 2008 erreicht worden sein, und seither stagniert die Fördermenge oder geht bergab. Das wird nicht nur den Kapitalismus, sondern auch jede Art von Sozialismus total durchrütteln, da die Produktion wesentlich auf billigem Erdöl aufbaut. Ich bin in mehreren Projekten des österreichischen Klima- und Energiefonds (KLIEN) tätig, wo diese Fragen für Österreich untersucht werden. Es ist deprimierend, in der internationalen Literatur zu lesen, was auf uns zukommen wird, und mit dem zu vergleichen, was an Bewältigungsmöglichkeiten in der österreichischen Politik diskutiert wird.

Besonders freuten uns zwei Treffen im April und im Mai 2011 im Rahmen des FOSOG, auf denen die Themen Steuergerechtigkeit, Arbeitszeitverkürzung, bedingungsloses Grundeinkommen und Prekariat präsentiert und für eine politische Kampagne zur Wahl gestellt wurden. Bei der Abstimmung im Mai hat das bedingungslose Grundeinkommen nur acht von 50 Stimmen erhalten, während die Steuergerechtigkeit die meisten Stimmen auf sich zog. Zwei Arbeitsgruppen sind nun dabei, inhaltliche Einzelheiten und die Gestaltung einer Kampagne auszuarbeiten.

Ein Hit war die Ringvorlesung Kritische Ansätze zu Politik und Ökonomie im globalisierten Kapitalismus an der Universität Wien, für die sich 250 Studierende anmeldeten, aber Platz für nur 80 war. Die „restlichen" 170 sind traurig wieder weggegangen. Jede Vorlesung wurde von zwei Expertinn/en, manchmal auch von Studierenden, aus unterschiedlichen Blickwinkeln eingeleitet. Daran schloss sich eine Diskussion. Aus den Beiträgen haben wir das Buch Bruchstücke zusammengestellt (http://www.trafoberlin.de/978-3-89626-837-2.htm). Das Themenspektrum reichte von der neoliberalen Globalisierung über Geschlechterverhältnisse und Grundsicherung bis zu Machtfragen. Insgesamt 135 Studierende haben Beiträge geschrieben, die kritisch gesichtet und schrittweise nachgebessert wurden, und die Student/inn/en waren hingerissen. Sie hatten so etwas in der bisherigen Zeit ihres Studiums noch nie erlebt, weil ihre Professor/inn/en keine Zeit haben, sich mit ihnen eingehender zu beschäftigen.

Ein anderes Projekt war die Future Factory in der Volkshochschule Brigittenau. Die vorschwebende Idee war eine Art Arbeiter/innenuniversität in neuem Gewand. Future Factory hat es ein Semester lang gegeben, mit zwischen fünf und fünfzehn Teilnehmenden. Sie hat zwar Anklang gefunden, ist aber keine Massenveranstaltung geworden. Im Herbstsemester wird sie unter dem Titel „Werkstatt für Denken und Handeln" einen Neustart erleben. Der Besuch wird diesmal gratis sein.

Die großen internationalen Kooperationen werden von unserer Dachorganisation, dem europäischen Netzwerk transform! bewerkstelligt. Transform! gibt die Europäische Zeitschrift für kritisches Denken und politischen Dialog in acht Sprachen, darunter auch in Deutsch, heraus, und tritt mit der Webseite http://www.transform-network.org/auf.

Das europäische Netzwerk transform! veranstaltet jährliche Sommeruniversitäten. Vom 12. bis 17. Juli 2011 wird in Italien wieder eine transform-Sommerakademie stattfinden. Die Teilnehmer/innen kommen aus 22 Mitgliedsorganisationen, und es gab bisher immer interessante Diskussionen. transform.at hat 2007 die Sommeruniversität des europäischen Netzwerkes in Gosau gestaltet.

Wir arbeiten in der Weltvereinigung für politische Ökonomie (WAPE) mit, die wir 2006 in Shanghai mitgegründet haben. Seit der Gründung gab es jedes Jahr eine internationale Konferenz, in Shanghai, Shimane (Japan), Beijing, Paris, Suzhou (China) und heuer in Amherst (USA). Außerdem gibt WAPE die Zeitschrift World Review of Political Economy in Englisch heraus. Das ist ein interessantes Projekt, weil es nicht zensuriert wird und weil zum Beispiel diskutiert werden kann, ob in China ein Sozialismus besteht oder nicht.

Ein besonderes Highlight in Bezug auf internationale Zusammenarbeit ist eine von transform.at vorgeschlagene und von transform! Europäisches Netzwerk, vom Renner-Institut, der Grünen Bildungswerkstatt, verschiedenen Universitätsinstituten sowie einer Gewerkschaftsorganisation gemeinsam getragene Konferenz über prekäre Arbeitsverhältnisse in China. Dabei geht es um die Auseinandersetzungen in China für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen, ein heikles Thema. Sie wird unter dem Titel „Workers' Struggles from East to West: New Perspectives on Labour Disputes in Globalised China" vom 22. bis 24. September 2011 am Renner-Institut in Wien stattfinden; bislang haben sich Interessent/inn/en aus Österreich, Frankreich, Deutschland und ausgezeichnete Leute aus China angemeldet.

Unser drittes internationales Vorhaben ist eine Kooperation mit Finnland. Das dortige Left Forum hat vor drei Jahren für ein Forschungsprojekt über ein allgemeines bedingungsloses Grundeinkommen in der EU die Initiative ergriffen. Im Herbst wird es in Wien eine vom Runden Tisch Grundeinkommen organisierte Konferenz über die Einführung eines Grundeinkommens als europäische Bürgerinitiative geben, wo sich das finnische Left Forum beteiligen wird. Ab 2012 bietet die EU-„Verfassung" die Möglichkeit, mit einer Million Unterschriften aus mindestens acht Ländern die Europäische Kommission zu zwingen, ein gewünschtes Thema zu behandeln.

Marxistische Theorie

Ein zentrales Anliegen von transform.at ist die wissenschaftliche Weiterentwicklung marxistischer Theorie und Analyse, die Gender-Fragen, ökologische Probleme, Migration und die Weiterentwicklung der Demokratie mit einschließt. Mein persönliches Interesse gilt der Ökonomie und der Kritik der Sichtweisen, die im Mainstream an den Universitäten gelehrt werden. Die Wirtschaft wird vornehmlich als geschichtslos gesehen, mit einer Tendenz, das spezifische kapitalistische Wirtschaftssystem als ewig zu betrachten und die menschliche Tätigkeit auf das Maximieren des individuellen Nutzens zu reduzieren. Meine Sicht der Dinge ist anders: Während die Mainstream-Ökonom/inn/en ein flaches Bild der Wirtschaft haben, das heißt, sie machen keinen Unterschied zwischen den beobachtbaren Erscheinungen der Dinge und ihrem Wesen, regte Marx an, eine Rekonstruktion der Wirtschaft so zu machen, dass man vom Abstrakten ausgeht und Schritt für Schritt konkretere Bestimmungen hinzugibt, bis man bei der beobachteten Erscheinung der Oberfläche landet, aber mit einem wesentlich erweiterten Verständnis der Zusammenhänge.

Zum Vergleich ein Beispiel aus den Naturwissenschaften: Die Fallgesetze besagen, dass alle Körper gleich schnell fallen. Doch ein Blatt Papier und ein Kugelschreiber fallen nicht gleich schnell. Was passiert da? Ist das Grundgesetz falsch? Nein, es ist ein Gesetz, dessen wesentliche Zusammenhänge auf einer abstrakteren Ebene liegen, als es die konkrete Ebene unserer Beobachtungen ist. Wissenschaft bedeutet, aus konkreten Erscheinungen eine Abstraktion herauszuarbeiten, die das Wesen der vielfältigen Erscheinungen auf einen gemeinsamen Begriff bringt. Die Fallgesetze behandeln das Wesen, doch müssen zusätzlich Strömung, Luftwiderstand und andere Begleitumstände fallender Körper berücksichtigt werden, um das Beobachtete unter seinen Bedingungen zutreffend zu erfassen.

Das gilt ebenso für die Wirtschaft. Karl Marx hat diesen Ansatz beachtet und ist im ersten Band des Kapital von der Ware ausgegangen, die zwei Aspekte aufweist, Gebrauchswert und Tauschwert. Man könnte sagen, dieser erste Band beschreibt eine Welt, in der die Preise durch die direkt und indirekt in die Waren eingegangenen gesellschaftlichen Arbeitszeiten bestimmt werden, die Preise sind also proportional den Arbeitszeiten. Dies entspricht einer sehr abstrakten Ebene der Behandlung einer Wirtschaft, in der es weder Lohnabhängigkeit noch kapitalistische Konkurrenz gibt.

Von dieser Ebene ausgehend, können wir einen Schritt realistischer werden und eine kapitalistische Wirtschaft annehmen, die durch die Konkurrenz der Kapitalien zu einer Abweichung der Preise von den Arbeitswerten führt, derart, dass ausgeglichene Profitraten entstehen. Diese kapitalistische Ebene überlagert die Arbeitswertebene und dominiert sie. Marx hat im dritten Band des Kapital diese Zusammenhänge systematisch beschrieben und herausgearbeitet, was im Kapitalismus passiert, wenn nicht mehr die Arbeitszeit das Bestimmende der Preise ist, sondern der Kapitalaufwand.

Für das Verständnis moderner kapitalistischer Ökonomien benötigen wir weitere Schichten, die ein konkreteres Bild zu zeichnen erlauben. Die Finanzsphäre und der Staat verändern durch Umverteilung die Einkommen der Wirtschaftssubjekte, die ihnen über den Markt zugeteilt wurden. Der vorläufig letzte Schrei der Entwicklung ist die so genannte Informationsgesellschaft, in der die mit der Beschaffung und Weiterleitung von Information zusammenhängenden Kosten (Transaktionskosten) wesentlich geringer werden als zuvor.

Alle diese sich überlagernden Ebenen hängen so zusammen, dass die jeweils neue Schicht, die hinzukommt, die vorherigen darunter liegenden bestimmt. Kurz angedeutet, besteht in der Informationsgesellschaft die neue Möglichkeit, dass die Wirtschaft von der Mehrheit der Bevölkerung bestimmt werden kann. Die derzeitige Variante zeigt uns aber eine Minderheit, die die Kontrolle ausübt und ihre Ziele den anderen Mitgliedern der Gesellschaft aufprägt.

Die marxistische Theorie eignet sich unter anderem sehr gut zur Erklärung der Preisstruktur der österreichischen Wirtschaft. Weitere wissenschaftliche Fragen stellen sich bei der Behandlung von Dienstleistungen im Rahmen der Arbeitswerttheorie (siehe dazu Peter Fleissner, Marx begegnet Leontief, in: Wirtschaft und Gesellschaft 3/2008, Seiten 361 bis 396).


Überarbeitete Fassung eines Vortrags am 7. Juni 2011 im Rahmen des Seminars Arbeiter/innenbewegung - was tun? im Institut für Wissenschaft und Kunst

Quelle: mitbestimmung 5/2011

Infos: http://transform.or.at