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Größer als bisher dargestellt

Meinung Christine Braunersreuther über den Gender-Pay-Gap

Kurz vor dem Equal-Pay-Day wurden medial Argumentationen lanciert, der Gender-Pay-Gap – die Differenz zwischen dem Einkommensmeridian von Männern und Frauen – sei gar nicht so groß wie immer dargestellt. Zahlen des deutschen Bundesamtes für Statistik (BAfS) wurden als „Fake-News“ diffamiert – und als „Jammerei von Emanzen“ abgetan.

Eine Auseinandersetzung mit Argumenten, die für eine Bereinigung des Gender-Pay-Gaps von 21 Prozent in Österreich (in der Steiermark 23 Prozent) auf sechs Prozent bzw. sogar zwei Prozent plädieren, ließ schnell erkennen, dass der in sozialen Medien viral verbreitete „Fake-News“-Vorwurf nicht tragbar und daher als klar antifeministische Agitation zu werten ist.

Zu den neu berechneten Zahlen – die als „Schulz-Lüge“ ins Spiel gebracht wurde, um dem deutschen SPD-Kanzlerkandidaten unseriöse Argumentation zu unterstellen – gab es sogar in der Zeitung „Die Zeit“, die ursprünglich in den „Fake-News“-Kanon eingestiegen war, eine erklärende Replik. Darin wurde deutlich dargestellt, dass diese Bereinigung total neoliberal und darüber hinaus soziologisch nicht tragbar ist.

Ausspielen wichtiger Anliegen

Ein Artikel („Ein Irrtum wird zehn Jahre alt“) in dem sonst oft durchaus feministisch argumentierenden Medium Telepolis erhob den Vorwurf, die Zahlen des BAfS würden dazu eingesetzt, die soziale Ungleichheit zu erhöhen. Ein Ausspielen wichtiger Anliegen gegeneinander, wie es von der rechtskonservativen Politik in allen Bereichen bekannt ist.

Dabei ist es keine Alternative, vom Gender-Pay-Gap, also von an Geschlechtern festgemachten Ungerechtigkeit, zu schweigen, nur weil in der unterschiedlichen Bezahlung nach wie vor der ökonomische Hintergrund der Herkunft eine große Rolle spielt. Ebenso weil es, was selten erwähnt wird, genauso einen Migration-Pay-Gap gibt, von dem Frauen mit Migrationshintergrund doppelt betroffen sind. Es ist wichtig, gegen all diese Ungerechtigkeiten in einem sozialen Miteinander zu kämpfen. Und, keine Frage, natürlich wäre es untragbar, Männergehälter auf die von Frauen zu senken und auch Aktionen, wie die Forderung nach höheren Fahrpreisen für Männer sind Unsinn.

Künstlicher Unterschied?

Trotzdem kann ein Gehaltsunterschied nicht als „künstlich höher beziffert“ bezeichnet werden. Denn das hieße, so zu tun, als würden Frauen freiwillig schlechtere Bezahlung und/oder längere Kindererziehungszeiten in Kauf nehmen. Dass etwa Frauen häufiger in prekär bezahlten Branchen wie im Pflege- oder Sozialbereich arbeiten, liegt daran, dass sie von Kind an so sozialisiert werden, dass Frauen in eben diesen Bereichen besser seien.

Dass diese Berufe schlechter bezahlt werden, liegt umgekehrt daran, dass sie seit jeher den Frauen zugeschriebenen und immer schon nicht oder nur prekär bezahlten Care-Arbeiten zugeordnet sind. Außerdem wurden und werden – und das ist nicht unwesentlich – Mädchen von Frauen traditionell dazu erzogen, Ungerechtigkeiten wie diese in Demut hinzunehmen anstatt sich „unsittlicher Weise“ dagegen aufzulehnen. Und während Mädchen nachweislich in den ersten Schuljahren nicht schlechter in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern sind, wird ihnen eine Begeisterung dafür während ihrer Schulzeit so nachhaltig ausgetrieben, dass sie dann später eben nicht in gut bezahlten technischen Berufen arbeiten wollen.

Auch dass sie schlechter bezahlte Jobs im Supermarkt annehmen anstatt in der Industrie, liegt nicht selten daran, dass gerade am Land oft der Mann das „Familienauto“ für die Fahrt zur Arbeit in Anspruch nimmt und die Frau nehmen muss, was nah erreichbar und eventuell noch mit unzureichenden Kinderbetreuungsangeboten kombinierbar ist. Dass Frauen weit weniger häufig gut bezahlte Jobs im Management anstreben, liegt nicht unwesentlich daran, dass sie dem familiären und gesellschaftlichen Druck, als Rabenmutter zu gelten, nicht standhalten – oder vielleicht auch schlichtweg daran, dass sie schlau genug sind, um auf geforderte Arbeitszeiten von 60 Stunden und mehr zu pfeifen.

Unbezahlte Hausarbeit

Als Fake-News kann eine Zahl von 21 bzw. 23 Prozent dennoch bezeichnet werden. Denn nicht mit eingerechnet ist, dass selbst Frauen in Vollbeschäftigung 80 bis 90 Prozent der unbezahlten Haus- und Familienarbeit übernehmen. Würden diese Arbeiten in eine Gesamtheit an real geleisteter Arbeitszeit mit einberechnet, dann kämen Gehaltsunterschiede von beinahe 60 Prozent heraus.

Daher gilt es unbezahlte Reproduktionsarbeit beim Equal-Pay-Day zu thematisieren. Nicht um uns rechtskonservativen Forderungen nach bezahlter Hausfrauenarbeit oder Müttergehalt anzuschließen, sondern um mehr staatliche Leistungen für Kinderbetreuungseinrichtungen und professionelle Pflege von alten und kranken Menschen und eine gerechte Halbe-Halbe-Aufteilung von unbezahlter Familienarbeit zwischen Frauen und Männern zu fordern. Dazu braucht es kurze Vollzeit bei vollem Lohn- und Personalausgleich. Denn Reproduktionsarbeit ist keine Frauenarbeit, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Christine Braunersreuther ist KPÖ-Gemeinderätin in Graz