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Kürzer Arbeiten, leichter leben

Meinung Heike Fischer zur 35-Stundenwoche im Sozialbereich

Die 100.000 Beschäftigten im privaten Gesundheits- und Sozialbereich arbeiten, zunehmend prekär, mit Menschen, die Unterstützung benötigen. Mit Kindern und Jugendlichen, Erwachsenen, mit alten und behinderten Menschen, praktisch mit Menschen jeden Alters. Sie sind zumeist beratend, begleitend und pflegend tätig. Ihre Bezahlung liegt 20 Prozent unter dem Durchschnitt. Die in unterschiedlichen Kollektivverträgen festgelegten Gehälter stellen meist die Höchstlatte der Bezahlung dar. Das Ausmaß an unbezahlter Arbeit, etwa für Vor- und Nachbereitung oder Dokumentation nimmt rasant zu.

Gleichzeitig wird immer mehr auf Teilzeitarbeit gesetzt. In meinem Betrieb trifft das bereits auf 90 Prozent der Beschäftigten zu, oft keine freiwillige Entscheidung. Damit haben die Betroffenen einerseits zu wenig Arbeitsstunden um finanziell über die Runden zu kommen, andererseits hat sich die Arbeit massiv intensiviert.

Es müssen mehr KlientInnen betreut, zusätzlich dokumentiert und protokolliert werden. Die KlientInnen haben sich verändert. Sie werden älter, die Zahl derer, die massive Hilfe brauchen, wächst. In meinem Betrieb sind die Kinder und Jugendlichen schwieriger und verhaltensauffälliger geworden. Sie erleben die Prekarität und Unsicherheiten der Eltern mit und reagieren mit Aggression und Selbstzerstörung.

Diese Veränderungen wirken sich auf die Beschäftigten aus. Lohneinbußen durch Teilzeitarbeit werden bewusst in Kauf genommen, um Stresssymptome zu verkraften und nicht ins Burnout zu rutschen oder die Qualität der Betreuung verschlechtern zu müssen.

Antwort auf diese Dauerbelastung kann nicht ein permanentes Ansteigen der Teilzeitarbeit sein. Deshalb hatten sich im Rahmen der letzten KV-Verhandlung GPA-djp und Vida mit der Sozialwirtschaft Österreich darauf geeinigt, Verhandlungen zur 35 Stunden-Woche aufzunehmen.

Was ist bisher passiert?

Seit April 2017 wurden bei vier Verhandlungsrunden Studien von AK und Gewerkschaft besprochen, Argumente ausgetauscht und diskutiert. Die GPA-djp spricht von einem „konstruktivem Klima“. Aber was ist daran konstruktiv, wenn die ArbeitgeberInnen sich untereinander nicht einig sind, ob sie eine Arbeitszeitverkürzung überhaupt wollen. Sie reden sich auf die Fördergeber, die keine Finanzierungsmittel herausrücken, und auf den Fachkräftemangel heraus.

Konstruktiv wäre, wenn sie die Fördergeber, sprich politisch Verantwortlichen in Bund und Ländern, von der Notwendigkeit dieses gesamtgesellschaftlichen Anliegens überzeugen könnten. Konstruktiv ist auch nicht der Vorwurf, dass die Gewerkschaften „nur eine Gehaltserhöhung für Teilzeitkräfte“ wollen. Natürlich ist dies auch ein Ziel. Aber in dessen Folge werden sich durch mehr (und entspannteres) Personal auch die Hilfsleistungen für die KlientInnen verbessern. Einigung gibt es bis dato nur darüber, dass bei einer Enquete am 13. November 2017 in Wien ausführlich über die Arbeitszeiten im Gesundheits- und Sozialbereich mit WissenschaftlerInnen diskutiert werden soll.

„Arbeitszeitverkürzung bringt doch nur noch mehr Leistungsverdichtung“, klagen viele KollegInnen. Bei Regionalkonferenzen wurden die BetriebsrätInnen geschult, diesem Argument zu begegnen. Eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich bedeutet, dass die Vollzeitbeschäftigten weniger Wochenstunden bei gleichbleibendem Gehalt arbeiten, während die Teilzeitbeschäftigten mehr Geld für die gleiche Anzahl an Wochenstunden bekommen. Damit wäre endlich auch die enorm hohe Flexibilität abgegolten, die in der Sozialbranche sowieso üblich ist: unregelmäßige Arbeitszeiten, Turnus-, Radl- und Wochenenddienste usw. Es wären vor allem Frauen betroffen, die ohnehin schon mehrfach belastet sind.

Kritisch zu betrachten ist, dass bei der BR-Konferenz in Oberösterreich kaum Diskussion zugelassen wurde. Warum setzen wir uns langfristig nicht die Erreichung einer 30 Stunden-Woche zum Ziel? Welche strategischen Schritte werden die VerhandlerInnen nutzen? Wie geht es nach der Enquete weiter?

Sogar die Notenbanken bemängeln, dass trotz Wirtschaftsaufschwung die Löhne kaum steigen und treten für deutliche Lohnzuwächse ein. Nationalbank-Gouverneur Ewald Novotny (Standard, 19.10.2017) meint sinngemäß, eine Lohnsteigerung sei notwendig, um eine adäquate Inflation zu erreichen. Wenn also schon die Banken für eine höhere Kaufkraft plädieren, gibt es kein Gegenargument zu einer satten Anhebung des Lohnniveaus.

Umso unverständlicher ist daher der relativ niedrige Metall-Lohnabschluss mit drei Prozent Valorisierung. Dies ist kein gutes Signal für die Verhandlungen im Gesundheits- und Sozialbereich. Mir drängt sich da der Gedanke auf, dass es vielleicht sinnvoll wäre, sich im Kampf um eine reale Arbeitszeitverkürzung mehr Verbündete auch in anderen Gewerkschaften und in anderen Wirtschaftsbranchen zu suchen.

Heike Fischer ist Diplompädagogin und Betriebsratsvorsitzende im Diakonie Zentrum Spattstraße Linz und GLB-Landesvorsitzende in OÖ