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Angriff auf Lebenslagen

Fakten Karl Reitter zur Zukunft des Lohnarbeitsregimes

Gehen wir von den Fakten aus: „412.000 Nicht-Erwerbspersonen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren hatten im Jahresdurchschnitt 2016 grundsätzlich den Wunsch zu arbeiten“, stellt Statistik-Austria fest. Dem standen 2016 laut AMS bloß 39.200 offene Stellen gegenüber. Die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden sind 2008 gesunken und stagnieren seit dem. Auch die neuesten Zahlen der Jahre 2015 bis 2017 bestätigen diesen Trend. Gestiegen ist hingegen die Zahl der Beschäftigten, die allerdings im Durchschnitt immer weniger Beschäftigung finden.

„Die tatsächlich geleistete Arbeitszeit pro Woche im Jahr 2016 lag bei den Unselbständigen bei 30,7 Stunden“, so Statistik-Austria. Diese Tatsache sollte all jenen zu denken geben, die meinen, Arbeitszeitverkürzung wäre der Königsweg zur Vermeidung von Erwerbsarbeitslosigkeit. Es zeigt sich also, dass diese kapitalistische Gesellschaft keineswegs Erwerbsarbeitsplätze für alle bereitstellen kann. Das überrascht nicht. Marx nennt dies das „allgemeine Gesetz der kapitalistischen Argumentation“.

Marx setzt zwei Tendenzen in Beziehung, die in der Debatte oftmals isoliert diskutiert werden. Da ist einmal die Tendenz zur Steigerung der Arbeitsproduktivität, das heißt, immer weniger Menschen sind nötig, um dieselbe Anzahl von Gütern zu produzieren. Aber da ist noch eine zweite Tendenz, die Produktivitätssteigerung verändert das Wertverhältnis zwischen Arbeitslöhnen einerseits und Rohstoffen und Maschinen andererseits. Immer größere Kapitale sind nötig, um dieselbe Anzahl von Arbeitskräften zu beschäftigen.

Die Nachfrage nach Arbeitskräften bleibt hinter der Akkumulation des Realkapitals zurück, wobei Überproduktion und Konkurrenzdruck diese Akkumulation zusätzlich hemmt. Kurzum: Das Ziel einer Vollbeschäftigung rückt in unerreichbare Ferne, die Sockelarbeitslosigkeit wird nicht schwinden. Diese Wahrheit muss verleugnet werden und wird verleugnet. Es bleibt den herrschenden Kreisen praktisch nichts anders übrig, als die Erwerbslosen für ihr Schicksal verantwortlich zu machen.

Könnten sie tatsächlich sagen: „Auch die neoliberale Version des Kapitalismus ist unfähig, uns allen gut bezahlte und befriedigende Arbeitsplätze zu sichern“? Könnten sie sagen: „Tut uns leid ihr 400.000 Arbeitslosen, abgesehen von zusätzlichen prekären Arbeitsplätzen und etwas geringfügiger Beschäftigung könne wir euch kaum eine Perspektive bieten“?

Stattdessen tönt es: „Ihr seid selbst schuld, ihr Durchschummler“! Das Verdrängte äußert sich als Symptom, und das Symptom heißt brutaler Angriff auf die Lebenslagen der Erwerbslosen.

Karl Reitter ist Lektor für Sozialphilosophie an der Universität Wien