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Der Beitrag der Arbeitswelt

OÖ Karl Scheuringer über Psychotherapie in Oberösterreich

Ein Blick zurück: 1991 wurde Psychotherapie in Österreich als eigenständiges Heilverfahren anerkannt. Lange Verhandlungen, Widerstand der Ärztekammer. Erhöhung der Krankenversicherungsbeiträge zur Kostenabdeckung. Die versprochene Gegenleistung, Psychotherapie auf Krankenschein, wurde bis heute nicht erfüllt.

Es geschah wenig zur flächendeckenden Versorgung, bis man auf die Idee kam, Vereine zu etablieren, die Therapie auf Krankenschein finanzieren. Hintergrund: Die Gebietskrankenkassen müssten allen Versicherten die gleiche Leistung anbieten. Ein Verein (das ist in Oberösterreich Proges, vorher PGA) kann sagen, wir haben kein Geld mehr, keine freien Plätze, diese oder jene Bedingungen ohne viel Öffentlichkeit vorgeben. Aber alles wird von der GKK finanziert, auch die Genehmigung von der GKK selbst erteilt. Andere Sozialversicherungsträger hängen sich im Wesentlichen an das GKK-System dran, mit ein paar kleineren Unterschieden.

Ich habe dieses Modell immer abgelehnt, aber mich trotzdem entschlossen, das als Angebot für sozial Schwache anzubieten, konnte ich mir leisten mit meinem Hauptberuf an der Universität Salzburg. Um die finanzielle Abgeltung klar zu machen: 44 Euro pro Therapiestunde, davon sind selbständig noch alle Sozialabgaben abzuziehen. Wer eine Fachkraft für Elektrik, Installation, Auto braucht, weiß, dass das nicht überbezahlt ist.

In den letzten Jahren wurden die Schrauben angezogen. Wer das mit der ÖVP/FPÖ-Landesregierung in Verbindung bringt, dürfte nicht ganz falsch liegen. Kündigung der Verträge mit nicht angestellten PsychotherapeutInnen, obwohl die billiger sind, aber nicht zum monatlichen Berichtsdatum an die GKK kalkulierbar, Maximalstunden für bestimmte Krankheitsbilder/Diagnosen. Also sind Abrechnungsmodalitäten, willkürliche Benchmarks wichtiger als die Bedürfnisse der KlientInnen. Niemand kann wissenschaftlich fundiert, seriös prognostizieren, wie lange eine Behandlung dauern wird. Durchschnittswerte als Richtwerte taugen nicht. Das ist keine Blinddarmoperation mit durchschnittlicher Verweildauer im Krankenhaus. Und es gibt chronifizierte Erkrankungen, die über lange Zeit in unterschiedlicher Intensität betreut werden sollten, als Anker für Krisen und Rückfälle. Kliniken können das nicht leisten.

Wir haben eine Drehtürpsychiatrie: Akute Krise, freiwilliger oder Zwangsaufenthalt in der Klinik. Medikamentöse Einstellung, eventuell Tagesklinik im Anschluss. Zurück in die gewohnte, oft belastende Umgebung. Warten auf einen kassenfinanzierten Therapieplatz, meist mehrere Monate, obwohl es wichtig und effektiv wäre, unmittelbar danach ein Angebot nützen zu können. Wer sich einen selbständigen Therapeuten/in nicht leisten kann (von 70 Euro aufwärts), muss halt hoffen, dass es irgendwie gut geht. Sonst: Wieder in die Psychiatrie. Spiel beginnt von vorne.

Eine Mindestforderung wäre, dass die Kapazität so aufgestockt wird, dass für jede/n Klinikpatienten/in sofort eine kostenlose Nachbetreuung gesichert ist.

Obwohl zahlreiche Studien belegen, dass ein kassenfinanziertes Zusammenspiel von Klinik, FachärztInnen und PsychotherapeutInnen billiger und effektiver wäre – verschiedene Töpfe, Träger, Blick auf die eigenen Bilanzen verhindern es. Und überhaupt Sparen, Sparen, Sparen – DIE Betroffenen können sich am wenigsten wehren.

Was heißt das?

Meiner langjährigen Erfahrung nach hat sich die Akzeptanz psychischer Erkrankungen verbessert. Es ist weniger Stigma, an Depression, Burn-out, Panikattacken, … zu leiden. Mehr Menschen suchen Hilfe, mehr ÄrztInnen raten zu Psychotherapie ergänzend zu oder statt Psychopharmaka. Der Bedarf steigt, das Angebot stagniert. Die Arbeitswelt trägt dazu bei: Armutsgefährdete und Langzeitarbeitslose sind mehr von psychischen Erkrankungen betroffen.

Die Diskurse der Antipsychiatrie in den 1970er-Jahren (z.B. gesellschaftliche Konstruktion von Normalität, Einfluss der Arbeitswelt auf psychische Probleme, Verpflichtung zur kommunalen Versorgung) sind Schnee von gestern, vergessen, verdrängt. Eine weitere „Dialektik der Aufklärung“: Wir haben zwar keine geschlossenen Anstalten mehr. Wenn es blöd läuft, gibt es Notschlafstellen oder Obdachlosigkeit in Freiheit, Isolation und Armut. Wer ein funktionierendes soziales Umfeld hat, hat bessere Chancen. Individualisierung der Notlage.

Die Kritik richtet sich in erster Linie an die Sozialversicherungsträger, an die politisch Verantwortlichen, aber auch an meinen Berufsstand: Ab und an eine Pressekonferenz, in der höflich auf das Problem hingewiesen wird, aber hörbar laut für unsere KlientInnen waren wir schon lange nicht. Politisches Engagement, weil, wie ich gern evidenzbasiert sage, 100, 200 Euro mehr Mindestsicherung oder Mindestlohn, leistbares Wohnen ein Vielfaches an Krankheitskosten einspart, ist ein Minderheitenprogramm. Mehr davon wäre gefragt.

Karl Scheuringer ist seit fast 40 Jahren als Psychotherapeut tätig und war bis April 2017 Universitätslehrer in Salzburg