Josef Iraschko über Milliardenumsätze mit Gründerzeithäusern

Die Otto-Immobilien Gruppe jubelt in einer OTS-Aussendung vom 20. März 2018 darüber, dass der Wiener Zinshausmarkt für Häuser aus der Gründerzeit im Jahr 2017 wieder einen Milliardenumsatz gebracht hat. „Der Wiener Zinshausmarkt für Häuser aus der Gründerzeit ist neuerlich auf Erfolgskurs“. Es wird festgestellt, dass besonders die Gruppe der Unternehmen als Käufer (übersetzt: professionelle Immospekulanten) hervorgetreten ist. In nur einem Jahr haben z.B. im 8. und 9. Bezirk die Mindestpreise um 26 Prozent zugelegt. Im 16. und 17. Bezirk sind die Preise um bis zu 17 Prozent angestiegen, umsatzstark waren auch der dritte und vierte Bezirk, wo bis zu 15 Prozent an Umsätzen zu verzeichnen sind. Sogar im 21. und 22. Bezirk sind bis zu 10 Prozent Plus zu verzeichnen.

Wenn man sich diese Jubelmeldungen als Mietrechtsexperte genauer anschaut, dann lässt sich feststellen: es handelt sich um reine Immobilien-Transaktionen (genauer bezeichnet als Immo-Spekulationen), wo lediglich die Eigentümer wechseln. Es wird bei diesen hin und her verschobenen Kapitalien keine einzige zusätzliche Wohnung errichtet. Man muss aber davon ausgehen, dass in den oben genannten Bezirken die Spekulation um und mit Wohnraum noch extrem zunehmen wird. Das kapitalistische Credo: mehr Gewinn führt zu mehr und damit zu leistbaren Wohnungen, führt sich selbst ad absurdum.

Auswirkungen auf die Mieten

Es stellt sich die Frage, welche Auswirkungen hat dieses Spekulationsspiel auf die Mieten? Kommen wir damit zu dem von den PolitikerInnen besonders in Wahlkämpfen immer wieder strapaziertem „leistbaren Wohnen“? Zunächst lässt sich - dem kapitalistischen Profitsystem entsprechend – feststellen, dass kein Kapital investiert wird, wo nicht auch die entsprechenden Rendite-Erwartungen erfüllt werden können und das in möglichst kurzer Zeit.

Jetzt handelt es sich aber bei den Häusern aus der Gründerzeit um größtenteils mietrechtlich geschützte, was heißt, dass die AltmieterInnen entweder noch die alten leistbaren Kategoriemieten und keine Befristungen, oder seit 1994 die weniger preiswerten Richtwertmieten mit Zeitverträgen plus Lagezuschläge haben.

Wenn also ein sogenannter Immo-“Investor“ Althäuser aufkauft, dann mit dem vorrangigen Ziel, die alteingesessenen KategoriemieterInnen aus ihren geschützten, noch preiswerten Wohnungen zu vertreiben. Dazu werden eigene professionell agierende „Entmietungs-Spezialisten“ beauftragt, die gegenüber den AltmieterInnen zunächst Verunsicherung, dann Angst und Schrecken um ihre Wohnungen betreiben. Das Ziel: diese Wohnungen in teure Eigentumswohnungen umzuwandeln.

Die neuen EigentümerInnen bleiben dabei im Hintergrund, sind sie doch ehrenwerte Mitglieder der Gesellschaft. Sie wollen sich die Hände nicht selbst schmutzig machen. Diese Art von „Geschäft“ hat sich zu einem kriminellen Nebenmarkt am Wohnungssektor entwickelt (besonderes Beispiel: Mühlfeldgasse 12, „Pizzeria“).

Wohnungsspekulation beschleunigt

Auch auf gesetzlicher Basis kann die Spekulation „blühen“. Aus mietrechtlich geschützten Kategoriezins-Wohnungen werden im Neuvermietungsfall befristete und dem Richtwert unterworfene. Jeder befristete Mietvertrag gibt die Möglichkeit, die Wohnungen bei Beendigung des Mietverhältnisses neu und wesentlich teurer zu vermieten. Ursache sind nicht nur die Richtwerte, sondern vor allem die sogenannten Lagezuschläge, die sich wiederum an den Immobilien-Transaktionen orientieren.

Was macht aber die Regierung, um ihre großmündige Leerformel nach leistbaren Wohnungen umzusetzen? Die Regierung will das Lagezuschlags-Verbot in Gründerzeitviertel aufheben. Das wird im Neuvermietungsfall die Mieten um mehr als 60Prozent für rund 100.000 Wohnungen erhöhen und dadurch das Spekulationskarussell um Wohnraum noch stärker vorantreiben.

Hier schließt sich dann der Kreis und es wird deutlich, warum gerade in Gründerzeitvierteln derartig hohe Transaktionen stattfinden: da lässt sich noch eine Menge Kohle machen. Die neu in den Wohnungsmarkt Einsteigenden bezahlen diese Spekulation mit extrem hohen Mieten.

Josef Iraschko, ist Bezirksrat von Wien anders in der Leopoldstadt und Mietrechtsexperte, Infos http://www.mieterselbsthilfe.kpoe.at/