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Gewerkschaft im Dauer-Kampf

International Max Wachter über portugiesische Verhältnisse

35-Stunden-Arbeitswoche für alle, menschenwürdige Jobs – und mehr Geld, mindestens 650 Euro im Monat! Die PortugiesInnen kämpfen für ihre Rechte und eine bessere Arbeitswelt. Der Minderheits-Regierung des Sozialdemokraten Antonio Costa bläst ein scharfer Atlantikwind um die Ohren. Keine Woche ohne Streiks und Kundgebungen: Spitalspersonal, Beschäftigte im Bildungswesen und Staatsdienst, bei Polizei, Militär, Müllabfuhr, Eisenbahn und U-Bahnen in Porto und Lisboa, 3.000 ArbeiterInnen von Volkswagen, Handelsangestellte und Tourismus-Personal sind wütend.

Alle auf die Straße!

Damit Portugal nicht das Armenhaus im Südwesten Europas bleibt, führen die kommunistisch ausgerichteten Gewerkschaftsorganisationen von der CGTP IN (Confederação Geral de Trabalhadores Portugueses - Intersindical Nacional) einen unermüdlichen Kampf. Ihr Einsatz für die Rechte der arbeitenden Menschen und soziale Gerechtigkeit in Lousitanien ist seit der Nelkenrevolution von 1974 und auch während ihrer illegalen Tätigkeit in der faschistischen Salazar-Diktatur ein anerkannter Faktor. Die CGTP IN kann sich auf ein breites Bündnis in der Bevölkerung und in ihren über hundert Teilorganisationen strukturierten fortschrittlichen Gewerkschaftsverband mit 700.000 Mitgliedern verlassen.

Zum viertenmal innerhalb der letzten zwei Monate gingen in Lisboa über 50.000 DemonstrantInnen auf die Straße. Am 9. Juni 2018 funktionierten wie schon am 1. Mai um die 100.000 die Avenida de Rebublica bzw. den Platz vor dem Stadion und den Sportkomplex 1.de Maio zur „Kampfzone” für soziale Gerechtigkeit um. In 40 Städten des Landes wurden ebenfalls Kundgebungen und Demos für die Rechte der Werktätigen organisiert und durchgeführt. Am 19. Mai demonstrierten auf der Lissaboner Avenida de Liberdade über 50.000 Beschäftigte des Bildungsbereichs für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Geld.

Sparkurs abgemildert

„35 Stunden-Woche für alle” schallt es bei Demos im ganzen Land zehntausend-, ja hunderttausendfach. Genauso wie der Ruf nach 650 Euro Mindestlohn überall im Wort und Schrift zu hören und zu lesen ist. Ein Manko in der portugiesischen ArbeiterInnenbewegung ist die Aufspaltung der Gewerkschaftsorganisationen.

Der zweitgrößte Verband, die UGT (União Geral de Trabalhadores) steht der Sozialistischen Partei nahe und zählt über 50 Einzel- und Untergewerkschaften. Mit 400.000 Mitglieder vertritt sie hauptsächlich die Interessen der öffentlich Bediensteten. Dieser Sektor stellt auch die Hälfte der Mitglieder der SP-Gewerkschaftsorganisation. 80.000 UGT-Mitglieder sind im Finanzsektor und in den Banken tätig. Auch deshalb sitzt das Steuergeld zur „Bankenrettung” etwas locker in Portugals Regierungsteam

22,1 Prozent Jugendarbeitslosigkeit

In Portugal schaut es für die Werktätigen, Arbeitslosen, Frauen, Pensionisten und Jugendlichen triste aus. Wer Arbeit hat, schuftet 45 bis 60 Stunden in der Woche für wenig Geld und ohne Rechte. Fatima, 20-jährig arbeitet in einem Hotelkomplex an der Algarve. Die vielseitig begabte junge Frau macht Gästebetreuung für Jung und Alt. Mehrmals pro Woche ist sie als Sängerin und Tänzerin im ressorteigenen Unterhaltungsprogramm aktiv. Sie hat einen sechsmonatigen Arbeitsvertrag für 620 Euro brutto.

Offiziell eine 48-Stundenwoche und sechs „Werktage”. Der Arbeitsablauf: nur ein Tag pro Woche ist frei, meistens freitags. Samstag beginnt die Arbeit für Fatima um 14 Uhr und endet offiziell um 22 Uhr, bei kultureller Tätigkeit aber erst nach 23 Uhr. Sonntag ist Arbeitsbeginn um 10 Uhr Vormittag und endet offiziell um 19 Uhr. Der Dienstschluss verzögert sich des Öfteren. Montag geht es wieder um 14 Uhr los. Dreimal die Woche derselbe Rhythmus.

In den letzten zehn Jahren haben über eine Million PortugiesInnen, 2008 zählte das Land 11,5 Millionen Einwohner, ihre Heimat verlassen. Mitte 2018 sind noch 22,1 Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren ohne Job

72-Stundenwoche für 1.500 Euro

Sharif, ein Inder musste nach sieben Jahren Arbeit die Schweiz verlassen. Jetzt kellnert er schon über vier Jahre in einem Gastronomiebetrieb an der Algarve. Sechs-Tage-Woche und immer eine 12-Stunden-Schicht. Das sind also sage und schreibe 72 Stunden die Woche. Als Sous-Chef verdient er im Monat für diesen Arbeitsmarathon 1.500 Euro. Sharif hat die portugiesische Staatsbürgerschaft beantragt. Diese wird er von Gesetz wegen nach fünf Jahren bekommen.

Mit dem portugiesischen Pass sagt er, kann er als EU-Bürger höchstwahrscheinlich wieder zurück in die Schweiz. Aber auch Frankreich und andere Länder wären ein Offert. Sharif spricht sieben Sprachen perfekt in Wort und Schrift. Das ist sein „Kapital für bessere Arbeit und mehr Einkommen“. In Portugal will er nicht bleiben.

Bis es in Portugal wieder eine halbwegs geordnete Arbeitswelt und eine optimistische geprägte Zukunft gibt, wird noch viel Wasser den Tejo hinunterfließen. Aber die Kraft des Volkes ist nicht zu unterschätzen. Immerhin waren die PortugiesInnen auch mit ihrer „Nelkenrevolution” vor 44 Jahren erfolgreich.

Martin Wachter ist freier Journalist und lebt in Portugal