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35-Stundenwoche jetzt!

GPA-DJP Thomas Erlach zum Thema Arbeitszeit

Bei den SWÖ-Kollektivvertragsverhandlungen der letzten Jahre war die 35-Stundenwoche bei vollem Lohn- und Personalausgleich eine unserer Forderungen. Auch dieses Jahr wird sie mit großer Wahrscheinlichkeit wieder eine Hauptforderung sein. Das große Verhandlungsteam der Gewerkschaften, dem auch ich angehöre, hat bisher mehrheitlich die alternativen Angebote der Arbeitgeber angenommen. Begleitend zu den Verhandlungen wurden jährlich intensivere Kampfmaßnahmen durchgeführt. Betriebsversammlungen, Demonstrationen, und Streiks. Ich finde es waren wichtige Meilensteine, dass in den letzten zwei Jahren österreichweite Streiks im Sozialberreich, mit steigender Beteiligung durchgeführt wurden.

Mittlerweile ist der Sozialbereich neben den Metallern zu einem der kampfbereitesten Gruppen innerhalb der Gewerkschaften geworden. Jahrelange Kürzungen der Sozialbudgets und dadurch ausgelöste Verschlechterungen für Einkommen und Arbeitsbedingungen sind ebenso Auslöser dafür, wie eine sich jährlich verbessernde gewerkschaftliche Organisierung.

Durch die Kürzungen der letzten Jahre sind die Arbeitsbedingungen soweit im Keller, dass zum Beispiel im Bereich der Pflege das bestehende Personal die Flucht ergreift und neue Beschäftigte kaum zu finden sind. Die Zahl der Menschen, die unter solchen Bedingungen arbeiten möchte, geht gegen Null. Daran ändern die peinlichen Imagekampagnen einzelner Landesregierungen genauso wenig, wie der Plan 16-jährige über eine Lehre für den Beruf zu gewinnen. Wenn sogar AsylwerberInnen als Pflegekräfte im Gespräch sind, dann ist das ein Indikator für die Wertigkeit der Pflege für die Politik, denn diesen werden nur die schlechtest bezahlten und anstrengendsten Jobs zugestanden, die sonst keiner machen will, wie zum Beispiel Erntehelfer in der Landwirtschaft.

Dabei besteht längst eine gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit für eine Arbeitszeitverkürzung. Die letzte war vor 40 Jahren. In der Zeit ist der Reichtum in Österreich so stark angewachsen, dass eine Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden bei vollem Lohnausgleich ohne weiteres möglich wäre. Eine australische Studie belegt, dass 30 Stunden wöchentliche Arbeitszeit für die Gesundheit der Beschäftigten am besten wäre.

Im Sozialbereich gibt es überwiegend Teilzeitbeschäftigte. Ein Teil möchte mehr Stunden und bekommt sie nicht. Ein Teil möchte weniger arbeiten, weil die Arbeit in der Intensität nicht mehr auszuhalten ist. Für einen Teil passt das Stundenausmaß. Durch eine Reduktion auf 35 Stunden würden alle Teilzeitkräfte zu einer kräftigen Gehaltserhöhung kommen.

Die Notwendigkeit für Stundenaufstockungen, um ein höheres Einkommen zu erreichen, verringert sich. Wer aufgrund der Belastungen weniger arbeiten muss, verdient deswegen nicht weniger. Wer Vollzeit arbeitet verfügt dann über mehr Freizeit. Der gleichzeitig eingeforderte volle Personalausgleich schafft neue Arbeitsplätze und verhindert Leistungsverdichtung. Von einer Arbeitszeitreduktion profitieren alle Beschäftigten.

Der neoliberale Umbau sozialstaatlicher Leistungen hat vor 10 Jahren begonnen und ist so gut wie abgeschlossen. Nur in den Köpfen der Beschäftigten ist dieser Wertewandel vielfach noch nicht angekommen. Wir waren es aus der Vergangenheit gewohnt, dass wir uns für bessere Bedingungen für unsere KlientInnen einsetzen, während die eigenen Lebensbedingungen gesichert waren. Das kämpfen für die eigenen Arbeitsbedingungen war bisher im Sozialberreich in dem Ausmaß nicht notwendig. Heute gehört der Einsatz für die eigenen Interessen zu den elementaren Grundlagen sozialer Arbeit, damit diese überhaupt stattfinden kann.

Das haben wir vor zehn Jahren zu lernen begonnen. Seitdem nimmt die Zahl der Beschäftigten ständig zu, die sich für bessere Arbeits- und Einkommensbedingungen engagieren und sich an Kampfmaßnahmen inklusive Streiks beteiligen. Dieser Prozess des Lernens und der Bewusstseinsbildung ist auch in den nächsten Jahren noch erforderlich. Tief sind die Muster des gehorsamen Untertanen in uns verankert. Diese gilt es schleunigst abzulegen, um vom Opfer des neoliberalen Umbaus zur aktiven GestalterIn der eigenen Lebensbedingungen zu werden.

Eine wichtige Stütze dabei sind die Gewerkschaften, die nicht nur die KV Verhandlungen durchführen, sondern auch Kampfmaßnahmen organisieren und Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder im Sozialberreich nimmt ständig zu. Es ist wichtig, das weiterhin viele KollegInnen beitreten, weil das unsere Durchsetzungskraft gegenüber den Arbeitgebern erhöht. Diese versuchen ja jedes Jahr bei den KV-Verhandlungen Verbesserungen unserer Arbeits- und Einkommensbedingungen so niedrig wie möglich zu halten.

Um die 35-Stundenwoche durchzusetzen wird es bei den nächsten KV-Verhandlungen im Winter notwendig sein, den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen. Einmalige mehrstündige Warnstreiks sind ein gutes Mittel, werden aber nicht ausreichen. Ich trete dafür ein, die österreichweite Streikbewegung auszudehnen und diesmal mehrere Streikwellen durchzuführen. Auch ein ganztägiger Streik im Sozialberreich wäre angebracht, damit wir endlich die 35-Stundenwoche durchsetzen.

Thomas Erlach ist Betriebsratsvorsitzender von EXIT-sozial Linz und GLB-Arbeiterkammerrat in Oberösterreich