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Mail halten!

Service Eine Buchrezension von Brigitte Promberger

Digitalisierung hat im vergangenen Jahrzehnt schnell und massiv Einzug gehalten – in unser (privates) Leben, in unsere Arbeitswelt. Digitalisierung ist weit mehr als Erweiterung der Möglichkeiten durch neue Technologien, Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft von Grund auf. „Die Digitalisierung schien mir als ein Weg in die Freiheit. Ich sah immense Chancen für das Individuum, für den Individualismus, für Demokratisierung, für die Vernetzung der Welt. Dann erkannte ich: Digitalisierung macht uns so unfrei wie nie zuvor. Und das schlimmste ist, wir versklaven uns selbst!“, schreibt Anitra Eggler, die ab Mitte 1990 bis Anfang 2000 „an vorderster Internetfront“ an der digitalen Revolution mitwirkte.

Digitale Goldgräberstimmung

Von Goldgräberstimmung ist die Rede, vom Gefühl, die Welt zu revolutionieren. Mit diesem Enthusiasmus arbeiten zunächst einzelne, bald werden daraus Start-Up-Unternehmen. „Überstunden gibt es nicht. Leben ist Arbeiten. Arbeiten ist Leben“, so die Sichtweise Egglers als Führungskraft der 90er. Ab etwa 2000, mit der Entwicklung der Smartphones, wird „Sofortness“ zum Normalzustand, Erreichbarkeit rund um die Uhr. Versklavung und Selbstversklavung.

Kurz und schnell ist die Devise. Als Resultat Burnout-Anstieg durch ständige Erreichbarkeit, Produktivitätsverlust durch Dauerablenkung, Demotivation durch sinnentleerten „Pseudowichtig-Müll“. Und zu dieser Zeit kommt auch Egglers Feststellung: „Die digitale Revolution ist vorbei […]. Die Gewinner haben die mächtigsten Geschäftsfelder erfolgreich monopolisiert.“

Und die Gewinner heißen Google, Facebook, Microsoft, Apple, Amazon & Co. „Firmen, die schneller und skrupelloser agieren, als Regierungen das je können werden, sind genau aus diesem Grund binnen der vergangenen Jahre mächtiger geworden als alle Regierungen zusammen. Unsere Daten sind fest in profitorientierter Privatwirtschaftshand.“ Auf dem Spiel steht, wofür die Menschheit Jahrhunderte gekämpft hat: Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung.

Das neue Erdöl

Eggler spricht über „digitale Weltherrschaft“, denn Daten sind das neue Erdöl. Und Daten sind leicht und bequem zu kriegen: What’s App, Facebook, Twitter, Cloud uvm. Twitter macht keinen Gewinn, hat kein Geschäftsmodell und erhält kräftige Investoren- und Börsenzuschüsse: für Daten, die Benutzerinnen und Benutzer frei Haus liefern.

Nicht anders verhält es sich mit Kundenkarten. Wo „gratis“ draufsteht, sind wir – unsere Daten – das Produkt. Google-Chef Eric Schmidt meinte bereits um 2000: „Wir wissen, wo Sie sind, wir wissen, wo Sie waren. Wir wissen mehr oder weniger, worüber Sie nachdenken“.

Bereits vor Jahren wurde der Wert der persönlichen Daten aller Europäer*innen für das Jahr 2020 auf eine Billion Euro geschätzt. „Es geht hier um nicht mehr und nicht weniger, als die Manipulierbarkeit und Überwachbarkeit von allen Europäern.“

Erfolgreiche Lobby

Als 2009 die EU begann, an der Erneuerung der Datenschutzverordnung zu arbeiten, siedelte sich in Brüssel eine zahlen- und zahlungskräftigmäßig nie dagewesene Lobby an. Mit Erfolg, wie die Auswertung von über elftausend EU-Dokumenten durch die unabhängige Plattform „Lobbyplug.eu“ zeigt. Abgeordnete brachten Änderungsanträge gegen(!) den Schutz der Privatsphäre ein, teileweise eins zu eins von Lobbyisten übernommen.

„Internet kann man nicht aussitzen. Die digitale Wirtschaft überholt immer rechts und das schneller, als ein Politiker „Legislaturperiode“ oder „Wiederwahl“ auch nur denken kann. Digital hebelt alle Gesetze aus, lange bevor sie verabschiedet werden können. Digital hebelt die Gewalten aus und setzt die Gewaltenteilung außer Kraft. Digital hat die Politik und die Medien entmachtet“. Das klingt alles andere als beruhigend.

Aufrütteln ist angesagt

Doch beruhigen will die Autorin auch nicht. Sie will aufrütteln. Mit harten Fakten und oftmals sehr ironischen Formulierungen. Der Großteil des Buchs befasst sich damit, dem Homo Digitalis einen Spiegel vorzuhalten. Im Kleingedruckten, ihren „Ausnutzungsbedingungen“ ist folgender Satz zu finden: „Hochdosierter Klartext ist nichts für Weichspüler“.

Anitra Eggler ist keine Linke. Ihr Weltbild ist nach wie vor stark geprägt von Individualismus, daher sind in ihren Büchern keinerlei Ansätze solidarischer Vorgehensweisen zu finden. Ihr Buch bietet Wissenswertes und regt zum Denken an. Auch darüber, wie eine völlig individualisierte Welt je noch mit dem Solidaritätsgedanken zusammenkommen kann.

Anitra Eggler: „Mail halten! Digitale Selbstverteidigung für Arbeitshelden & Alltagskrieger“, Wien 2016, ISBN 978-3-9503241-9-8

Brigitte Promberger ist Kulturarbeiterin und Betriebsrätin im Literaturhaus Salzburg und GLB-Arbeiterkammerrätin