Von Josef Stingl

…eine „Dreifaltigkeit der Arbeiter*innenbewegung“ bei der Suche nach der Balance des Lebens. Und da der Druck am Arbeitsplatz permanent steigt immer ein wichtiger Teil der Arbeiter*innen- und Gewerkschaftsbewegung: Das gilt bei der Umsetzung des 8-Stunden-Tages, bei der Einführung der 45- und später der 40-Stunde-Woche…. Trotzdem kam es anders: Der 11. ÖGB-Bundeskongress beschloss 1985 die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Weil aber angeblich damit bei den Kolleg*innen „kein Staat zu machen“ war, wurde diese Forderung jahrzehntelang halbherzig behandelt. Bloß in wenigen Branchen kam es per Kollektivvertrag zu einer Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit – oft nur mit gemindertem Lohnausgleich! Die Folge: Schwarz-Blau nutzte die Uneinigkeit für 12-Stunden-Tag und 60-Stunden-Woche.

Immer klarer wird, dass unser Work-Life-Balance immer mehr aus den Fugen gerät. Arbeitsdruck und Stress haben sich zur „Berufskrankheit Nr.1“ entwickelt. Sowohl Berufstätige als auch Unternehmer*innen setzten vermehrt auf Arbeitszeitverkürzung, allerdings durch Teilzeit und ohne Lohnausgleich.

Die Gewerkschaften reagieren auf den veränderten Mainstream, bei der „Pflege-KV-Runde“ steht seit drei Jahren die 35-Stunden-Woche im Mittelpunkt der Verhandlungen. Oder, der vida-Gewerkschaftstag verlangt neuestens die 32-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich.

Zweifelsohne Pflegearbeit ist besonders hart, eine fünfstündige verkürzte Arbeitszeit unter der Normalwochenarbeitszeit daher durchaus berechtigt. Genauso berechtigt, wie das Verlangen nach einer generellen Arbeitszeitverkürzung. Das Verlangen nach einer 30-Stundenwoche, vor einigen Jahren bestenfalls als linke Sozialträumerei abgetan findet immer mehr Befürworter*innen in Zivilgesellschaft, Gewerkschaft und Parteien…

Ja, sie ist längst überfällig. Die Produktivitätsentwicklung zeigt, dass wir uns die Kosten dafür schon längst erarbeitet haben.

Josef Stingl ist Mitglied des ÖGB-Bundesvorstandes und Bundesvorsitzender des GLB