Eine Buchempfehlung von Karin Antlanger

Fritz Schiller ist vielen von uns als äußerst engagierter, gebildeter und kritischer Gewerkschafter bekannt, der mit seinen oft sehr pointierten, scharfsinnigen aber nie untergriffigen Beiträgen so manch öde GPA-djp-Bundesvorstandssitzung inhaltlich bereichert.

Als parteiloser Betriebsratsvorsitzender der AUGE/UG bei der Raiffeisen Kapitalanlage GmbH hat der studierte Volkswirt für seine Dissertation die österreichische Lohnpolitik im Rahmen der gewerkschaftlichen Kollektivvertragspolitik analysiert und dabei ein besonderes Augenmerk auf die Frage der Berücksichtigung der Produktivitätsentwicklung und das Erfordernis einer solidarischen Lohnpolitik gelegt. Nach einer volkswirtschaftlichen Betrachtung der gängigen Arbeitsmarkttheorien und einer kurzen Abhandlung der produktivitätsorientierten Lohnpolitik nimmt Fritz Schiller die österreichischen Eigenheiten sehr genau unter die Lupe, indem er die Funktionsweise der im Rahmen der Sozialpartnerschaft entwickelten KV-Politik kritisch und wissenschaftlich betrachtet.

Ob Lohnführerschaft der Metaller, die Benya-Formel oder der Einfluss der Sozialpartnerschaft auf die Lohnbildung – all dies wird ebenso übersichtlich wie gut verständlich dargestellt. Genauso geht der Autor auf Fragen der geschlechtsspezifischen Entwicklung der Löhne oder die Praxis der Kollektivvertragsflucht ein.

Einzig die Frage von Lohndumping kommt in dieser ansonst sehr umfassend gestalteten Darstellung genauso zu kurz wie sozialpsychologische Aspekte und Funktionsweisen des Abwiegelns von Lohnforderungen. Aber vielleicht ist das auch nicht die Aufgabe einer volkswirtschaftlichen Arbeit.

Insgesamt jedenfalls sollte dieses Buch den KV-verhandelnden Gewerkschafter*innen als Pflichtlektüre dienen. Vielleicht ersparen uns die Metaller dann in der nächsten Runde der sogenannten Lohnführer kommenden Herbst das ewig polternde Geschrei von wegen „…wir wollen mindestens XY, sonst wird gestreikt…“. Gleichzeitig rechnen schon alle damit, dass sie eh wieder um etliches weniger abschließen, ohne auch nur das Wort „Streik“ auf ein einziges Transparent gemalt zu haben. Und dann wundern sie sich, wenn die Gewerkschaft bei immer mehr Menschen nur noch ein Achselzucken hervorruft.

Dieses Jahr haben die Beschäftigten der privaten Gesundheits- und Sozialbetriebe im Zuge der SWÖ-KV-Verhandlungen die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohn als einzige Forderung gestellt. Ausgerechnet der schwache SWÖ-KV übernimmt bei der wichtigen Arbeitszeitverkürzung die Themenführerschaft. Alles, was dabei herauskommen kann, ist maximal eine häppchenweise Einführung der 35-Stunden-Woche, sodass diese kaum arbeitsplatzrelevant wird. Die Gewerkschaften lassen sich also wieder mal vorführen, indem sie mit einer derartig defensiven Lohnpolitik einer Arbeitsverdichtung Vorschub leisten und gleichzeitig im Falle einer tatsächlichen Arbeitszeitreduktion auf eine effektive Gehaltserhöhung verzichten.

Das wäre aber nicht neu, denn bisher haben die Arbeiter*innen und Angestellten sich noch jede Arbeitszeitverkürzung selbst finanziert, indem sie in den folgenden Lohnrunden deutlich weniger bekommen haben. Wie gesagt, „weniger“ und nicht so wie die SWÖ-KV-Verhandler „gar keine Lohnerhöhung“ fordern, weil sie eh den vollen Lohnausgleich verlangen. Daher nochmals: Lest Fritz Schillers Buch und lernt daraus!

Fritz Schiller, Lohnpolitik in Ă–sterreich, Ă–GB-Verlag, Wien, 2018