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Historischer Optimismus

Service Ein Buchtipp von Heide Bekhit

Am 11. Februar 1869 wurde in Inzersdorf bei Wien Adelheid Popp (geb. Dworak) in ärmlichen Verhältnissen geboren. Als Arbeiterkind, nach dem Tod des Vaters im Alter von sechs Jahren bereits Halbwaise, musste sie früh die Schule verlassen und mit Heimarbeit, als Dienstmädchen und Fabrikarbeiterin zum Unterhalt der Familie beitragen. Diese Startbedingungen standen am Beginn der unglaublichen Entwicklung einer Frau, die sich der Realisierung von Gleichberechtigung und Arbeiterinnenrechten verschrieben hat, und deren größter Erfolg das Frauenwahlrecht in Österreich 1919 war.

Im Buch „Ich fürchte niemanden“, das Popps Lebensweg bis zur Konstituierung des Parlamentes 1919, dem erstmals auch sieben Frauen, darunter auch Popp selbst, angehören sollten, beschreibt, präsentiert Gernot Trausmuth Daten und Fakten zum Leben und Wirken von Popp, aus dem sich Fleiß, Hartnäckigkeit und Opfer für die sozialistische Bewegung erschließen lassen.

Früh entdeckt Popp ihre Leidenschaft für Bücher. Über ihren Bruder kommt sie mit der Arbeiterbewegung in Kontakt und erkennt, welche Widersprüche es in der Gesellschaft gibt: Zwischen dem entbehrungsreichen Leben der Arbeiterschaft auf der einen Seite und dem Reichtum einiger weniger. Um diese Erkenntnis weiterzutragen, wird sie aktiv. Was sie besonders beeindruckt, ist, dass die Sozialdemokratie den Frauen die völlige Gleichberechtigung mit dem Mann erkämpfen will.

Mit 20 lernt sie Victor Adler kennen, mit dem sie bis zu seinem Lebensende eng zusammenarbeiten wird. 1890 hält sie ihre erste Rede, schon bald schreibt sie ihre ersten Artikel. Von der ersten Ausgabe 1892 an wirkt sie in der Redaktion der „Arbeiterinnen-Zeitung“ mit, deren Herausgeberin sie später wird. Mit ihren Reden und Zeitungsbeiträgen schwört Popp die Arbeiterinnenschaft auf den Kampf um kürzere Arbeitszeiten, Preisbindung bei Lebensmitteln, Arbeitsschutz und Frauenrechte ein.

Trausmuth beschreibt sowohl das Verhältnis der sozialistischen Bewegung zu Religion und Kirche und zur bürgerlichen Frauenbewegung als auch die Einflüsse der internationalen Ereignisse, insbesondere des Ersten Weltkrieges und der Russischen Revolution, auf die Entwicklungen der Sozialdemokratie in Österreich. Auch das Spannungsfeld Popps zwischen dem Einsatz für den Frieden und der Loyalität mit der Parteiführung in den ersten Kriegsjahren, wird nicht ausgespart.

Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln, Umwandlung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung in eine sozialistische, waren erklärte Ziele der Sozialdemokratie zur damaligen Zeit. Das Wahlrecht für Frauen und der Einzug ins Parlament waren als Etappen hin zum Umbau der Gesellschaft gedacht. Man war der Meinung, dass die sozialistische Umwälzung auf demokratischem Weg, durch eine Mehrheit bei den Wahlen, erzielt werden könne. Wie man heute weiß, ist dieses Experiment nicht gelungen.

Trausmuth beurteilt die Einschätzungen der damaligen Sozialdemokratie durchaus kritisch. Über Adelheid Popp schreibt er daher auch: „Zu groß waren ihr Zukunftsoptimismus und ihr Vertrauen in den Sozialismus, um verstehen zu können, dass die nicht durchgeführte Revolution am Ende des Ersten Weltkriegs dem Faschismus den Weg bereitete.“ Das Ziel, das für Popp bei ihrem Einzug ins Parlament in greifbarer Nähe schien, nämlich die Gleichheit aller Menschen, ist heute aktueller denn je.

Gernot Trausmuth, „Ich fürchte niemanden“ – Adelheid Popp und der Kampf für das Frauenwahlrecht“, Mandelbaum Verlag

Heide Bekhit ist Vertragsbedienstete und KPÖ-Bezirksrätin in Graz-Innere Stadt