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30 Stunden als neuer Standard

Meinung Leo Furtlehner über die Notwendigkeit der Arbeitszeitverkürzung

„Im Grunde haben wir eine 30-Stunden-Woche. Nur arbeiten die einen 40 und mehr Stunden, andere sind arbeitslos“ bringt der Salzburger Zukunftsforscher Hans Holzinger die Sache auf den Punkt. Der Autor der Studie „Zur Zukunft der Arbeit“ konstatiert den Wunsch nach mehr Zeitsouveränität unter den Lohnabhängigen. Weil für das Familienleben ebenso wie für das soziale Engagement die Zeit nicht mehr reicht entsteht der Wunsch nach mehr Flexibilität. Als Zukunftsziel sieht Holzinger, dass Paare mit Kindern von zwei Halbtagsstellen gut leben können.

Zauberwort Flexibilität

Dem steht freilich der Drang der Kapitalbesitzer gegenüber, mit dem Zauberwort Flexibilität die Arbeitszeit für jene, die Arbeit haben, noch weiter auszudehnen. Sie wollen zwölf Stunden Arbeit am Tag, vier Tage hintereinander und das sogar ohne Überstundenzahlung. Und „ihr“ Wirtschaftsminister Mitterlehner agiert mit seinem Arbeitszeitpaket auf Zuruf.

Ganz sozialpartnerschaftlich stimmt auch die SPÖ dem zu. Die Vision ihres früheren Sozialministers Alfred Dallinger von der 35-Stundenwoche ist längst vergessen. Im Ergebnis steht Österreich mit durchschnittlich 42 Arbeitsstunden pro Woche nach Großbritannien an zweiter Stelle im EU-Vergleich.

Working poor wächst

Am Arbeitsmarkt stehen guten Jobs mit relativ guten Einkommen immer mehr Billigjobs, vor allem bei einfachen Dienstleistungen, gegenüber. „Working poor“ ist europaweit im Vormarsch. Während besser Qualifizierte und damit besser Verdienende Zeit gegen noch mehr Einkommen eintauschen können, steht der wachsenden Zahl der Niedrigverdiener_innen diese Möglichkeit nicht offen. Für sie braucht es gesetzliche Mindestlöhne, steuerliche Begünstigungen und letztlich eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung.

Damit kürzer arbeiten aber nicht eine noch weitere Verdichtung der Arbeitsabläufe bedeutet, muss dies mit vollem Lohn- und Personalausgleich verbunden sein. Im Klartext gilt es die Arbeitszeit sozial gerecht zu verteilen um damit sowohl Teilzeitarbeit und Prekarität als auch Überstunden ohne Ende zu beseitigen.

Gerechte Verteilung

Holzinger konstatiert, dass Österreich einen Wohlstandspuffer aufweist und sich durch geringere Einkommens- und Vermögensspreizungen Arbeitszeitverkürzungen ebenso finanzieren lassen wie ausgeweitete Bildungs- und Pflegekarenzen. Es geht um eine faire Verteilung der Produktivitätszuwächse, eine faire Besteuerung der Vermögensgewinne als der tatsächlich „leistungslosen Einkommen“ sowie um eine Lohnpolitik, die sich um die Niedrigverdiener_innen kümmert.

Richtig angeheizt wurde die Diskussion über die Zunahme der prekären Arbeit, seit zunehmend gut ausgebildete Leute betroffen sind, die sich artikulieren können: Etwa wenn Akademiker_innen zur berüchtigten „Generation Praktikum“ verdammt werden und der Jugend zunehmend die Zukunft geraubt wird. Spanien ist dabei mit einer 60prozentigen Jugendarbeitslosigkeit negativer Vorreiter, in Österreich sind es aber auch schon fast zehn Prozent, Tendenz steigend.

Der Soziologe Jörg Flecker (FORBA) hält auch für besonders schlimm, dass die Sozialarbeit in Vereine ausgelagert wird, deren Budgets von der öffentlichen Hand aber laufend gekürzt werden und im Kreativbereich freie Verträge und prekäre Bedingungen der Standard sind und dabei das Bedürfnis nach Flexibilität zynisch missbraucht wird..

Wichtig für Pensionsfinanzierung

Während über die Finanzierbarkeit der Pensionen debattiert wird, hungert man durch Arbeitslosigkeit und Prekarisierung die Finanzgrundlage des Pensionssystems gezielt aus. Die Gewerkschaften haben mit dem Einlassen auf die Flexibilisierung diese negative Entwicklung mitgetragen. Ebenso mit ihrer defensiven Lohnpolitik und der Akzeptanz freier Dienstverträge und Scheinselbständigkeit, durch welche immer mehr Menschen aus Kollektivverträgen herausfallen und zu Bedingungen arbeiten, die schlicht unzumutbar sind, Negativbeispiel ausländische Pflegekräfte.

Flecker konterte auch den Vorwurf mangelnder Flexibilität. Denn entgegen allen Vorurteilen gibt es keinen starken Kündigungsschutz und nur wenige europäische Länder sind noch flexibler, haben dafür aber eine bessere Absicherung. So bekommen Arbeitslose in Dänemark 80 Prozent des Einkommens als Arbeitslosengeld, in Österreich nur 55 Prozent.

Der Überstundenberg

Die Notwendigkeit einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung manifestiert sich auch an der gigantischen Zahl von jährlich rund 300 Millionen Überstunden, davon rund 70 Millionen unbezahlt oder ohne Zeitausgleich. Da geht es immerhin um fünf Prozent des Beschäftigungsvolumens, aber diese Überstunden sind von den Unternehmen meist fix eingeplant und werden von den Betroffenen als fixer Lohnbestandteil gesehen.

Flecker sieht daher ebenso wie Holzinger die 30-Stundenwoche als neuen Standard der Arbeitszeit. Einerseits um den Überstundenberg abzubauen. Andererseits um jenen, die zu geringer Teilzeitarbeit mit entsprechend geringem Einkommen verdammt sind eine Vollzeitarbeit mit einem Einkommen zum Auskommen zu ermöglichen.

Leo Furtlehner ist verantwortlicher Redakteur der „Arbeit“