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40 Jahre und kein bisschen weise

Meinung Michael Heindl über Produktivitätsentwicklung und Arbeitszeit

Jährlich steigt die Produktivität um fünf Prozent, alle 20 Jahre verdoppeln sich also die Produktivkräfte. 1975 wurde die Sechstage-Lohnarbeitswoche um einen Tag gekürzt. Seither arbeiten, jene welche noch Arbeit haben, immer noch 38 bis 40 Stunden in der Woche. Ein Grund zum Feiern?

Ein unbeachtetes Jubiläum, kein rühmliches. Seit 1975 hat sich die Produktivität unserer Arbeit vervierfacht. Wir benötigen also nur noch ein Viertel der Zeit, um ein Produkt herzustellen. Tatsächlich arbeiten wir in Vollzeitarbeitsverhältnissen durchschnittlich 41,8 Stunden pro Woche. Europaweit arbeiten mit 42,2 Stunden nur noch die Briten länger als wir. Zusätzlich leisten wir jährlich 300 Millionen Überstunden – jede fünfte davon unbezahlt.

Bei einer auf 600.000 ArbeiterInnen geschätzten „industriellen Reservearmee“ haben die Wirtschaftstreibenden leichtes Spiel. Eine opportunistische Gewerkschaft, in der Abgeordnete Schlüsselpositionen besetzen, braucht kein Unternehmer zu fürchten. Eine so geartete Sozialpartnerschaft tut ein Übriges.

Die Freiheit des Kapitals

Da weder seitens der ArbeiterInnen noch deren Gewerkschaft der Zusammenhang der entwickelten Produktivkräfte und der Arbeitszeit gesehen wird, bleibt dieser dem Kapital überlassen. Eine Besonderheit des kapitalistischen Systems ist die wertschöpfende Produktion. Die Produkte unserer Arbeit stellen sich als „Waren“ dar. Die Produkte werden nicht wegen ihrer Nützlichkeit hergestellt, sondern weil man sie, natürlich gegen Geld, tauschen kann.

Die Nützlichkeit, also der Gebrauchswert, unterschiedlicher Waren ist nicht vergleichbar. Die Vergleichbarkeit ist jedoch Grundvoraussetzung in einer Gesellschaft von Privateigentümern. Der Tausch von Gebrauchswert hat den Zweck, den Anderen für den eigenen Vorteil zu schädigen – also ein möglichst „gutes Geschäft“ zu machen. Die einzige Vergleichbarkeit unterschiedlich nützlicher Dinge besteht in ihrer Gemeinsamkeit als Arbeitsprodukte. Der Wert einer Ware ist (im Kapitalismus) also die menschliche Arbeit, die darin steckt.

Immer weniger Arbeitszeit

Die Entwicklung der Produktivkräfte durch technologische Errungenschaften führt dazu, dass immer weniger Arbeitszeit in der Ware steckt, dieser also weniger Wert innewohnt. Das ist eine rein kapitalistische Sicht und hat nichts mit der Nützlichkeit eines Produktes zu tun. Da die Waren nun immer „wertloser“ werden, will der Kapitalist auch immer mehr von ihnen herstellen (lassen). Das führt dazu, dass ein Teil der ArbeiterInnen immer mehr arbeiten muss, während gleichzeitig immer mehr keine Arbeit haben.

„Denn der wirkliche Reichtum ist die entwickelte Produktivkraft aller Individuen. Es ist dann keineswegs mehr die Arbeitszeit, sondern die disposable time (frei verfügbare Zeit) das Maß des Reichtums. Die Arbeitszeit als Maß des Reichtums setzt den Reichtum selbst als auf der Armut begründet und die disposable time nur existierend im und durch den Gegensatz zur Surplusarbeitszeit (die über die zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendige Arbeitszeit hinausgeht) oder Setzen der ganzen Zeit des Individuums als Arbeitszeit und Degradation desselben daher zum bloßen Arbeiter, Subsumtion unter die Arbeit. Die entwickeltste Maschinerie zwingt den Arbeiter daher, jetzt länger zu arbeiten, als der Wilde tut oder als er selbst mit den einfachsten, rohsten Werkzeugen tat.“ (MEW, Bd. 42, S. 604)

Folgende Absurdität ergibt sich aus oben geschriebenen: Es ist nicht die frei verfügbare Zeit, welche in unserer Gesellschaft als Reichtum zählt, sondern die Arbeit selbst. Ist es der Aufwand, der den Reichtum setzt, werden die ArbeiterInnen zum Mittel diesen zu erlangen. Eine Steigerung der Produktivität dient somit dem Erzeugen von Mehrwert, also Profit, und wird im Kapitalismus niemals den ArbeiterInnen zugutekommen – denn mehr Arbeit bedeutet größerer Reichtum (natürlich für den Kapitalisten).

Zum Bersten voll

Der stoffliche Reichtum einer Gesellschaft besteht in der Summe der Gebrauchswerte. Wohin wir auch blicken, Mangel an nützlichen Dingen besteht bei uns sicher nicht. Die Geschäfte, zum Bersten voll. Und hier kommen wir zu dem Dilemma der ArbeiterInnen im kapitalistischen System: alles nur Erdenkliche kann gekauft werden, muss aber auch gekauft werden.

Um zu kaufen, brauchen wir Tauschwert (also Geld). So ist in unserer Gesellschaft nicht die Fülle der nützlichen Dinge (Gebrauchswert) die Definition von Reichtum, sondern der Zugriff auf diese. Reichtum ist hier die Anhäufung von Tauschwert – der ultimative Tauschwert ist Geld. Geld können wir unmittelbar in alle beliebigen nützlichen Dinge eintauschen (daher kann man auch nie genug davon bekommen). Um an Geld zu kommen, müssen wir einen anderen Gebrauchswert eintauschen. Uns ArbeiterInnen bleibt hier nur ein Gebrauchswert den wir besitzen und eintauschen können: unsere Arbeitskraft.

Zählt also in unserer Gesellschaft nur der durch Arbeit geschaffene Wert (weil Tauschwert) und seine Vermehrung, folgt daraus, dass die Arbeit nie weniger werden darf. Eine Steigerung der Produktivkräfte wird dann also nie den ArbeitnehmerInnen zugutekommen.

Michael Heindl ist Druckformenhersteller und GLB-Aktivist in Wien