Aufgrund des drängenden Wohnproblems in Rio de Janeiro, das sich mit den Stadterneuerungsmaßnamen im Zuge der Fußball-WM und der Olympischen Spielen verschärft hat, bauten rund 5000 Familien Ende März die neue Favela Telerj auf einem verlassenen Gelände der Telefonfirma Oi auf. Obdachlos gewordene, zwangsumgesiedelte und hochverschuldete Menschen, die sich die konstant steigenden Mieten nicht mehr leisten können, besetzten dieses Gebiet im Norden der Stadt, was nun von der Firma beanstandet wird. Am vergangenen Freitag schritt die Polizei ein, um die neu errichteten Barracken niederzureißen. Dabei kam es auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, bei denen mehrere Personen verwundet wurden. Am Wochenende campierten die obdachlos gewordenen Personen vor dem Gebäude der Stadtverwaltung Rios und nun in der U-Bahn-Station Cidade Nova, um eine sofortige Lösung ihres Wohnproblems zu fordern.

Ein Team der entwicklungspolitischen Organisation Südwind war Anfang April für einen Lokalaugenschein in Rio, um die Auswirkungen der sportlichen Megaevents Fußball-WM und Olympische Spiele zu recherchieren. Bisher wurden rund 170.000 Personen in ganz Brasilien zwangsumgesiedelt. Zu ihnen zählt auch Eomar, der in der Favela Metro Mangueira wohnte, die sich in unmittelbarer Nähe zum Maracanã-Stadion in Rio, in dem das WM-Finale ausgetragen wird, befindet. “Die Stadtregierung gab uns drei Optionen: Umsiedelung in schlechtere Wohnungen in den abgelegenen Außenbezirken der Stadt, eine Notschlafstelle oder die Straße”, erzählt Eomar.

Die Konsequenzen bekommen aber weit mehr Menschen zu spüren, weil sie sich die steigenden Miet- und Lebenserhaltungskosten nicht mehr leisten können. Buna aus der Favela Santa Marta berichtete dem Südwind-Team: „Seit Dezember kann ich die hohen Stromrechnungen nicht mehr bezahlen. Von den 700 Real, die ich verdiene, kann ich neben der Miete, auch die Stromrechnungen, die auf 300 oder 400 Real gestiegen sind, nicht begleichen. Was bleibt mir da noch an Geld für Essen oder Kleidung? Wir halten das nicht mehr aus!“ Der Mindestlohn in Brasilien liegt derzeit bei 742 Real, was ca. 236 Euro entspricht.

Die Vertreibungen dienen Stadterneuerungsprojekten, welche die Errichtung von teuren Immobilien für die Mittel- und Oberschicht in den ehemaligen Favelas beabsichtigen. Die Fußball-WM und die Olympischen Spiele dienen dabei als Vorwand. Sie schaffen eine Ausnahmesituation, die es der Regierung ermöglicht, schnell Gesetze ohne demokratische Entscheidungsfindung durchzubringen und die öffentliche Verschuldung für Infrastrukturmaßnamen über den üblichen Rahmen auszureizen.

„Es ist empörend, wie mit sportlichen Großevents Geschäfte gemacht werden. Während einige wenige Großunternehmen Gewinne in Millionenhöhe einfahren, zahlt die arme Bevölkerung den Hauptteil dieser Kosten. Faire Spiele sehen anders aus!“, so Christine Esterbauer von Südwind, nach ihrer Rückkehr aus Brasilien.

Um die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen anzuprangern, die im Zuge der Vorbereitungen für die Fußball-WM und die Olympischen Spiele in Brasilien vorgefallen sind, wurde mit dem Projekt „Nosso Jogo – eine Initiative für Globales Fairplay“, das u.a. von Südwind getragen wird, eine Petition gestartet. Sie fordert bindende Menschenrechtsstandards bei sportlichen Megaevents und kann auf der Webseite der Initiative www.nossojogo.at unterschrieben werden.
Bildmaterial zum Downloaden: www.suedwind-agentur.at/presseaussendungen

Quelle und Infos: www.nossojogo.at