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Kein Ersatz für eine gute Lehrstelle

OÖ Andreas Auzinger, Betriebslogistikkaufmann in Ried im Innkreis, über seine Erfahrungen mit Kursen und Produktionsschule

Nach dem Ende meiner Lehrzeit möchte ich ein Resümee über meine Zeit beim BFI ziehen. Das Jahr 2013 war für mich persönlich in positiver und negativer Sicht ein besonderes Jahr: Einerseits fing ich an, mich politisch zu engagieren, war erstmals bei Demonstrationen, versuchte immer stärker Menschen in meinem Umfeld von einer linken Politik zu überzeugen, Andererseits war ich ab Februar 2013 in den nahezu endlosen Strudel aus Kursen und Schulungen für arbeitslose Jugendliche des BFI geraten.

Nachdem ich bereits sechs Monate in der Produktionsschule Ried im Innkreis verbracht hatte, wurde mir Ende August von einer Trainerin mitgeteilt, dass Im BAG-Kurs ein Platz frei geworden war. Beim BAG (Berufsausbildungsgesetz) handelt es sich um eine geförderte Lehre, bei der der Lehrling drei Tage in der Woche ganz normal seinen Beruf in einem Praktikumsbetrieb erlernt und zwei Tage beim BFI spezielle Förderungen im Bereich Berufsschule, Allgemeinwissen und Pädagogik.

Oder um es in den Worten des BFI OÖ zu sagen: Lehrgang gemäß Berufsausbildungsgesetz (BAG) für Jugendliche mit dem Inhalt: Ausbildung im gewählten Lehrberuf, praktische Ausbildung im Partnerbetrieb, fachspezifische Ausbildung und Förderunterricht, begleitendes Angebot für Mädchen, verpflichtender Berufsschulbesuch, Bewerbungstraining, Persönlichkeitstraining, sozialpädagogische Betreuung und Einzelcoaching sowie Vermittlungsunterstützung. Oder im O-Ton des BFI: „Die Lehrausbildung erfolgt in trialer Form mit dem Ziel, nach Ende des ersten Ausbildungsjahres in ein betriebliches Lehrverhältnis überzuwechseln.“ und „Es besteht aber auch die Möglichkeit, die Ausbildung im zweiten bzw. dritten Ausbildungsjahr im Lehrgang fortzusetzen.“

Ähnlich wie bei der Produktionsschule zögerte ich einen Moment, da es aufgrund meines linken Weltbildes nur schwer zu verdauen war, das ich drei Tage in der Woche gratis (unsere Bezahlung erfolgte zu hundert Prozent aus Steuergeldern) für eine Firma arbeiten sollte, und mit meiner kostenlosen Arbeitskraft vielleicht sogar einen bezahlten Job vernichte. Doch kurz bevor es zu spät war, sagte ich dennoch zu, da ich im Gegensatz zur Produktionsschule dort wenigstens einen Lehrberuf erlernen konnte, und ich nach einem Jahr sowieso aus der Produktionsschule ausgeschieden wäre.

Die Praktikumsbetriebe

Ich entschied mich für den Lehrberuf des Betriebslogistikkaufmannes (früher: Lagerlogistiker), da ich bereits früher dort meine Stärken gefunden habe und mein Vater ebenfalls in einem Lager bei einem Baumarkt arbeitete. Zuerst war es schwierig einen Praktikumsplatz für mich zu finden, da bereits mehrere Stellen in Lagerbetrieben und größeren Märkten von anderen Jugendlichen aus dem BFI übernommen waren. Ich konnte nur eine Woche jeweils bei zwei verschiedenen Möbelhäusern und einer Einzelhandelskette arbeiten. Doch ab Jänner 2014 fand ich schließlich einen Praktikumsplatz bei einem großen Spediteur in Ried (ich will keinen Firmennamen nennen, es handelt sich hierbei jedoch um ein Unternehmen, das der Staatsbahn unseres nördlichen Nachbarlandes gehört).

Anfangs hatte ich ein nettes Gespräch mit dem zuständigen Mitarbeiter im Logistikbereich, um das Praktikum sicherzustellen. Abgesehen davon, dass ca. 60 Prozent der Gesprächsdauer (von ca. einer Stunde) von einem Monolog dominiert wurde, dass höchstwahrscheinlich wegen meines Übergewichtes bisher kein Arbeitgeber bereit war, mir eine Arbeit zu geben, war der erste Eindruck doch recht freundlich. Also sagte ich zu (mir blieb, ehrlich gesagt, kaum eine Wahl, es war das einzig verfügbare Praktikum).

Ich wurde einem Lager zugeteilt, wo Rohrteile gelagert wurden und je nach Bedarf nach ganz Europa verschickt wurden. Es wäre sicher ein sehr lehrreiches Praktikum gewesen, wenn ich die Chance zum Lernen gehabt hätte. Jedes Mal, wenn mir einer der anderen Arbeiter den Prozess des Einlagerns, des Kommissionierens oder der Warenannahme genauer erklären wollte, wurde der oben genannte Herr wütend und meinte, ich solle doch Gitterboxen umräumen oder saubermachen. Da wurde mir schnell klar, wofür ich gebraucht wurde: Für Arbeiten, wofür die festangestellten Arbeiter oder Lehrlinge „zu teuer“ waren. Erst nach zwei Monaten durfte ich selbstständig kommissionieren. Allerdings nur, weil absoluter Personalmangel herrschte, da zwei Mitarbeiter wegen der schlechten Arbeitsbedingungen kündigten.

Manche meiner Kollegen behandelten mich auch mit einer gewissen Arroganz, weil ich keinen festen Job hatte. Das zeigt trauriger Weise, wie sich sogar bei Arbeitern, die selbst eher zur Unterschicht gehören, ein neoliberales Weltbild eingebrannt hat: Wer fleißig ist, findet Arbeit und nur Faule oder Dumme sind in Kursen. Dementsprechend waren sie geschockt, wie ich in der Mittagspause durch Gespräche über Politik und Gesellschaftsthemen auffiel. Einige konnte ich sogar überzeugen, dass es nicht gerecht war, dass manche kostenlos für die Firma arbeiten sollen.

Nebenbei hatte ich auch einen Einblick in den Arbeitsalltag der Speditionsbranche. Was ich von Kollegen aus dem Umschlagslager oder LKW-Fahrern mitbekam, entsetzte mich. Zum Beispiel der Alltag einer Woche mit 20 Überstunden oder die Behandlung von Lehrlingen durch cholerische Vorgesetzte (im Lager mit den Rohren hatte ich offenbar noch Glück gehabt). Mir wurde auch von einem Fahrer vorgerechnet, dass wenn man seine unbezahlten Überstunden mitrechnet, er ca. 4,60 Euro in der Stunde verdient. Und das im Österreich des 21. Jahrhunderts. Heute bin ich mir sicher, dass dieser Einblick mich geprägt hat und in meinem kommunistischen Weltbild nur gestärkt hat.

Nach den acht Monaten beim Spediteur hatte ich richtig viel Glück: Ich konnte in der Firma, in der auch mein Vater arbeitete, ein Praktikum bekommen. Dort kannte ich viele Leute persönlich über meinen Vater und die Arbeit war auch nicht schlecht. Natürlich war es trotzdem nicht dasselbe wie eine richtige Arbeit, aber es war meine beste Erfahrung während meiner Lehre. Allerdings bemerkte ich, dass andere Praktikanten des BFI doch etwas anders als ich behandelt wurden. Hinter vorgehaltener Hand wurde mir mitgeteilt: „Du bist ja richtig fleißig, aber die anderen…“.

Nachdem ich auch mein Praktikum dort beendet hatte, wechselte ich zu dem Baumarkt, der letzten Oktober Pleite ging. Die Mitarbeiter waren auch freundlich, doch es war in gewisser Weise ähnlich wie beim großen Logistiker, zum Glück nicht so extrem. Da die Leute mich nicht kannten, war das Klischee des dummen oder faulen Arbeitslosen ständig im Raum. Und ich wurde hauptsächlich nicht im Lager eingesetzt, sondern überall dort, wo gerade Arbeit anfiel.

Die Kurstage

Wie oben bereits erwähnt, waren wir zwei Tage in der Woche in den Räumen des BFI untergebracht. Bei unserer Gruppe waren es am Donnerstag bis 16:30 und am Freitag bis 12:00 Uhr. Anfangs in einem Gebäude der Arbeiterkammer, neben ÖGB und der BFI-Zentrale Ried im Innkreis, ab April 2015 gemeinsam mit der Produktionsschule. In unserer Gruppe waren ca. 15 Personen, öfter kam es zum Wechsel, da Personen ausgeschlossen wurden. Hauptsächlich wegen Problemen mit Praktikumsbetrieben, seltener, weil tatsächlich jemand eine feste Arbeit gefunden hat. Manchmal wurden Jugendliche auch dazu gedrängt, selbst das Lehrverhältnis aufzulösen, da sie sie so später wieder in eine Maßnahme des BFI eintreten könnten.

Wir hatten verschiedene Trainer, spezielle Fachtrainer sowie Trainer, die für die jeweiligen Gruppen zuständig waren. Es handelte sich um die verschiedensten Personen, meist Personen mit Berufserfahrung die in den sozialen Bereich wechselten oder Selbstständige, die nur für nebenberuflich für uns zuständig waren. Auch im Verhalten gegenüber uns gab es Unterschiede: Manche hatten vollstes Verständnis für unsere Situation und teilten uns hinter vorgehaltener Hand ihre Meinung über die Sozialpolitik oder die Maßnahmen des BFI mit. Sie legten die Regeln auch sehr großzügig aus (einmal waren wir zur Verleihung des Finanzführerscheins in Linz und ich durfte ab 14:00 Uhr dortbleiben und musste nicht mit dem Zug nach Ried zurückfahren, weil ich abends an einem Marx-Lesekreis der KJÖ teilnehmen wollte). Andere waren gespalten: Andererseits bemerkten sie oft Fehler im Programm, die von der Kursleitung vorgegeben wurden, allerdings haben sie sich trotzdem mit gewissen Zweifeln an den genauen Plan gehalten.

Und zum Schluss gab es einige wenige, die eigentlich genauso gut Funktionäre der Industriellenvereinigung oder Wirtschaftskammer hätten werden können: Bei jeder Beschwerde unsererseits teilten sie uns mit, wir sollten doch froh sein, dass es solche Kurse gibt und wir in der tollen sozialen Marktwirtschaft leben, also sollten wir gefälligst zufrieden sein usw. Sie haben uns auch oft herablassend behandelt, nach dem bereits bekannten Schema, dass wir doch einfach nur zu faul und dumm zum Arbeiten sind. Meistens handelt es sich hierbei um die Kursleitung. Sowohl mir und auch anderen Teilnehmern mit Beschwerden wurde öfter mit Ausschluss gedroht.

Kommen wir zum Inhalt des „Unterrichts“: Oft wurde Berufsschulstoff durchgenommen, was für Personen mit Lernschwäche sicher nicht schlecht war. Allerdings wurde nicht auf spezielle Anforderungen eingegangen, sondern einfach irgendein Arbeitsblatt, oft aus der ersten oder zweiten Klasse Hauptschule verteilt. Zu Anfang gab es noch Nachhilfe in Rechnungswesen und Wirtschaftskunde, den Alptraumfächern in der Berufsschule, sowie fortgeschrittene Mathematik, doch schließlich wurde diese Nachhilfe eingestellt, mit der Begründung, dass die Fachtrainer zu viel kosten. Stattdessen bekamen wir Kurse in Sachen gesunder Ernährung, Toleranz, Persönlichkeitstraining, usw. Sicher spannende Themen, doch in der Form wie sie uns vorgetragen wurden, sicher nicht.

Wir wurden oft behandelt, mir fällt kein besserer Vergleich ein, als ob wir alle dumm wie Scheiße wären. Fünf Liter Cola am Tag trinken ist ungesund? Waas? Rauchen ist ungesund? Neein! Eine Ausnahme gab es: Einmal waren wir bei einem Kochkurs, wo uns gezeigt wurde, wie man halbwegs günstige gesunde Speisen kocht. Vor allen für Jugendliche, die vielleicht bald von zuhause ausziehen wollen, sicher praktisch. Aber alles andere? Das ist nur reine Verarsche.

Und was das „Persönlichkeitstraining“ betrifft: Nicht anderes als Indoktrinierung mit Neoliberalismus: Nicht die Firmen, die keine Lehrlinge stellen, sind schuld das wir arbeitslos sind, sondern wir selbst, denn jeder ist seines Glückes Schmied. Uns wurde oft richtiges Benehmen gezeigt, einmal nahmen wir sogar den Knigge durch (ich weiß jetzt also, wie man einen Baron richtig begrüßt, dass hilft mir sicher eine Lehrstelle zu finden). Genau dasselbe beim Bewerbungstraining: Einmal pro Woche verbrachten wir zwei Stunden auf den Seiten des AMS um nach Jobs zu suchen (ja, in ganz Österreich gibt es für meinen Job 13 Stellen). Und es wurden uns wieder Dinge beigebracht, die selbstverständlich sind.

Der Gipfel war allerdings, dass uns nicht nur Neoliberalismus, sondern auch Esoterik eingetrichtert wurde. Spätestens seit Matthias Strolz wissen wir aber, dass es dabei durchaus Verbindungen gibt („Jedem Kind die Flügel heben“, Bäume umarmen). Einmal wurde uns ein Film vorgeführt, bei dem sich der Trainer bereits im Vorhinein entschuldigte, aber er sei Teil des Kursziels und müsse daher mindestens einmal gezeigt werden. Ich dachte ich höre nicht richtig: Vitamine heilen Krebs, Chemotherapie ist schädlich usw. Wir wurden auch mit der Numerologie vertraut gemacht: Nicht meine Interessen oder Fähigkeiten verraten mir, welcher Job für mich passt. Nein, am besten verraten mir dies die Zahlen meines Geburtsdatums.

Aber um ehrlich zu sein: Den Trainer war das Übermitteln des eigentlichen Themas nicht möglich, da wir lieber über tagesaktuelle Geschehnisse diskutierten oder über Dinge die sich in den Praktikumsfirmen zutrugen, bis der Trainer aufgab und selbst mitdiskutierte. Am Anfang des Kurses gab es öfter Exkursionen, etwa ins Ars Electronica Center in Linz oder nach Salzburg ins Haus der Natur, die uns wenigstens zum Teil für die schlechte Bezahlung entschädigten, doch dafür war später kein Geld mehr da.

In der Berufsschule

Unser Ruf in der Berufsschule bei den anderen Schülern sowie den Lehrern war ähnlich wie bei den Firmem: Dumm, faul, keine richtigen Lehrlinge. Hierbei handelte es sich um eine selbsterfüllende Prophezeiung: Da die meisten von uns nur Hilfsarbeiten verrichteten und weniger unsere eigentliche Arbeit, fiel es uns natürlich in den fachbezogenen Fächer anfangs schwer, allerdings gab es grundsätzlich keine schlechteren Noten als bei den anderen Schülern. Zwei meiner Kolleginnen hatten alle drei Berufsschuljahre einen Notenschnitt von 1,0. Ich selbst habe einmal einen ausgezeichneten und zweimal einen guten Erfolg geschafft. Trotzdem hat uns das nicht geholfen von den Firmen übernommen zu werden.

Als Vertrauensperson

Ende November 2014 wurde uns mitgeteilt, dass bald eine Delegation des ÖGB erscheinen würde um bei uns Jugendvertrauensratswahlen zu organisieren. Ich war natürlich sofort Feuer und Flamme meldete mich für die Einheitsliste. Ich wurde einer von zwei Vertrauenspersonen, wir hatten zwei Stellverstreter. Vor der Wahl wurde uns ein Vortrag von einem Voest-Betriebsrat über die Rolle der Gewerkschaft, über Arbeitskämpfe gehalten und er verteilte Formulare zum Betritt zur Gewerkschaft. Für mich war es natürlich nichts Neues, doch die meisten anderen Jugendlichen hatten vorher offenbar noch nie mit solchen Themen zu tun.

Im Frühjahr 2015 kam meine erste Aufgabe: Nach der Zusammenlegung unseres Kurses und der Produktionsschule wurde uns verboten, Pizza zu bestellen. Natürlich, weil wir unser Geld lieber unten in der Ausspeisung der Produktionsschule ausgeben sollten, aber dass konnte die Chefin des BFI natürlich nicht laut sagen. Also wurde Pizza wegen des „Abfallproblems“ verboten (15 Pizzaschachteln sind also ein entsorgungslogistisches Problem, was soll dann die Berufsschule sagen?).

Ich habe die anderen Teilnehmer zum Ignorieren des Pizza-Verbotes aufgerufen, allerdings waren die doch obrigkeitshöriger. Deswegen bestellte ich das nächste Mal gemeinsam mit einem Kollegen Lasagne, die Abfälle trennten wir gleich fein säuberlich. Danach wurde generell ein Verbot für warmes Essen ausgerufen, wegen der „Geruchsbelästigung“. Was für den Trainer, der mittags gerne eingelegten Knoblauch mit Dosenfisch isst, natürlich nicht gilt. Schließlich haben wir mittags immer draußen beim Raucherplatz gegessen, bis sie es schließlich aufgegeben haben.

Oft war es so, dass ich während der Kurszeit andere Teilnehmer vor Angriffen der Trainer verteidigt habe, bis diese keine Lust mehr zu diskutieren hatten und aufgaben. Ein spezielles Ereignis ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Ein Kollege und ich lernten gerade für unsere Lehrabschlussprüfung, als die Trainerin eine Box mit Stiften auf den Boden warf und uns beide aufforderte, diese aufzusammeln, weil wir „so verschlafen dreinschauen“. Ich dachte mir, ich höre nicht richtig! „Wir lernen hier und sie bringen uns aus dem Konzept!“ Es begann eine hitzige Diskussion, währenddessen wollte eine andere Teilnehmerin die Stifte aufsammeln, doch ich sagte zu ihr: „Lass die liegen, sie hat sie auf den Boden geschmissen, sie soll sie aufklauben!“

Die Trainerin machte ein Gesicht, als ob sie mich sofort in der Luft zerreißen wollte. Aber sie wusste, dass ich als Linker und Jugendvertrauensrat genau wusste, was sie sich erlauben konnte und was nicht. Deshalb suchte sie sich meinen Kollegen als Opfer aus und verschwand kurz. Nach einer Weile kehrte sie mit einem Vertrag zur Auflösung des Lehrverhältnisses zurück. Sie meinte, er könne, wenn er nicht anders wolle, gleich heimgehen. Mein Kollege war kurz davor zu unterschreiben, weil er dachte es sieht besser aus als wenn sie ihm rausschmeißen.

Doch ich erinnerte ihn daran, dass ich ja hauptsächlich den Ärger mit ihr hatte und er nur ein billiges Bauernopfer darstellt und ich habe ihm hoch und heilig versichert, dass sie ihn nicht hinauswerfen können. Als er sich dann weigerte, zu unterschreiben, wurde sie gleich wieder wütend und wollte vermutlich wirklich zu ihrer Vorgesetzten gehen und sein Lehrverhältnis auflösen, aber ich erinnerte sie daran, dass es hier im Raum viele Zeugen gibt die beweisen können, dass es dafür keinen richtigen Grund gibt. Am nächsten Tag haben wir sie zum letzten Mal Im Kurs gesehen. Ein anderer Trainer hat uns eine Woche später hinter vorgehaltener Hand verraten, dass wir wirklich schuld daran waren, dass sie kündigte. So stolz war ich schon lange nicht mehr.

Anfang Dezember 2015 wurde erneut der JVR gewählt, diesmal mit zwei Listen. Ich habe mich mit eine interessiert wirkenden Kollegin zusammengetan, die andere Liste hatte zwei Kandidatinnen, die von den Trainern dazu gedrängt wurden, an der Wahl teilzunehmen. Im Gegensatz zum letzten Wahlgang war der Vortrag zum Thema Gewerkschaft allerdings diesmal etwas langweilig. Dennoch haben die Neuen im ersten Lehrjahr alle ein Formular zum Beitritt der Gewerkschaft ausgefüllt. Meine Liste hat gewonnen und ich wurde wieder Vertrauensperson.

Am Nachmittag allerdings hat ein Trainer versucht, den Neulingen den Betritt wieder auszureden, mit den üblichen dummen Argumenten (Gewerkschaft bringt eh nix, kostet nur Geld, nur reiche Funktionäre) und hat auch einigen Druck gemacht. Ich habe natürlich versucht, möglichst viele vom Austritt abzuhalten, leider gelang es mir nicht bei allen. Allerdings erfuhr ich später, dass das von Trainer aufgesetzte Schreiben wahrscheinlich nicht gültig ist, da diejenigen, die austreten wollten (wirklich?) trotzdem eine Mitgliedskarte bekommen haben.

Das Letzte was ich als JVR gemacht habe: Ich wurde zur Gruppe der Lehrling im ersten Lehrjahr berufen, welche die gute Idee hatten, man solle doch für den Pausenraum eine Mikrowelle anschaffen. Ich wusste, dass diese Idee bei der BFI-Chefin nicht gut ankommt, also habe ich eine einfachere Lösung vorgeschlagen: Die Lehrlinge dürfen die Mikrowelle im Pausenraum der Trainer benutzen. Die Antwort war: „Nein, wo kommen wir hin, wenn einfach so die Lehrlinge in den Pausenraum der Trainer dürfen?“ Meine nächste Idee, eine Unterschriftenaktion, konnte ich leider nicht mehr umsetzten, da meine Lehrzeit vorbei war.

Ein Fazit

Diese Maßnahme bringt Jugendlichen kaum in Firmen, die meisten sind alle drei Jahre im BFI und danach auch noch arbeitslos, das heißt wieder Kurs. Diejenigen, die profitieren sind die Firmen, die kostenlos drei Tage in der Woche jemanden haben, den sie einteilen können wie es Ihnen passt (dass ein Praktikum wegen Fehlverhaltens des Praktikumsbetriebs aufgelöst wurde ist mir nicht bekannt). Es gab und gibt in Ried Geschäfte die vier, fünf oder sogar mehr Lehrlinge vom BFI hatten oder haben. Und dass auf Dauer. Wie viele normale Lehrstellen werden damit vernichtet?

Es ist auch so, dass das Selbstwertgefühl vieler Jugendlicher leidet, da sie leider an die neoliberale Propaganda glauben und sich fragen: „Was stimmt nicht mit mir?“ Einer meiner Kollegen, mit dem ich in der Berufsschule war, hat nicht gesagt, dass er im BFI ist, weil er sich geschämt hat. Er verlangte von mir, ich dürfe es auch niemandem verraten. Anstatt auf die Unternehmen oder die Regierung, die diese Sauerei installiert hat, war er auf sich selbst wütend. Und ein anderer Teilnehmer meinte, dafür, dass wir zwei Tage im BFI sind, ist unser Verdienst doch sogar zu hoch.

Es ist auch oft vorgekommen, dass unter dem Vorwand einer festen Anstellung Lehrlinge zu Überstunden verleitet worden sind, für ein Unternehmen, das ihnen keinen Cent bezahlt und niemals einen Zeitausgleich gewährt. Der Verdienst beträgt im ersten und zweiten Lehrjahr ca. 300 Euro, im dritten Lehrjahr ca.700 Euro. Aber auch nur dank der Gewerkschaft, die höhere Löhne verhandelt hat, angefangen hat es 2009 mit 140 Euro.

Ich habe auch mitangesehen, wie ein Kollege von mir, den ich bereits aus der Produktionsschule kannte und ebenfalls zum BAG wechselte, ins rechtsextreme Milieu abgerutscht ist. Nach dem Motto: „Unsere österreichischen Unternehmer können doch nicht schuld sein, das sind wieder die Ausländer“. Und leider war er nicht der einzige. Das einzige Positive, was mir jemals über den BAG-Kurs eingefallen ist war die Präsentation der Gewerkschaft, die dafür gesorgt hat, dass auch im Bereich Handel viele Jugendliche in die Gewerkschaft eintreten, die vorher nie was von Arbeitsschutz gehört haben. Doch das ist kein Pluspunkt für den Kurs, sondern ein Minuspunkt für die Gewerkschaft.