GLB
Gewerkschaftlicher Linksblock im ÖGB (GLB)

Mythos der Arbeitswelt

Geschichte Werner Lang über die Glorifizierung der Arbeit

Aus den Anfängen der Arbeiterliteratur ist noch etwas zur Mystifizierung der Arbeitswelt durch die Sozialdemokratie mit Hilfe des Buches von Klaus-Michael Bogdal „Zwischen Alltag und Utopie“ zu erwähnen.

Marx entmystifiziert, den Begriff der Arbeit, indem er ihren jeweiligen historischen Charakter bestimmt, und zeigt eine historische Dimension auf, in der der Arbeiter von der Form der Lohnarbeit befreit und damit der Charakter der Arbeit verändert ist. Die Entmystifizierung jedoch destruiert jenes semantische Feld, das für die Identitätsbildung von bestimmender Wichtigkeit geworden ist. Destruktiv muss auch Marx' Hinweis gewirkt haben, dass die „Natur [...] ebenso sehr die Quelle der Gebrauchswerte [und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum] als die Arbeit“ ist. (Marx, MEW Bd.19, S. 69/70).

Trotz der massiven Interventionen von Marx und entsprechender Abänderung des sozialdemokratischen Parteiprogramms dokumentiert die Arbeiterliteratur, die sich weiterhin des mystifizierenden Begriffs von Arbeit bedient, dass das Bedürfnis nach Identität stärker ist als wissenschaftliche Argumente. (Emig 1980, 149). Mehr noch: Die euphorische Vorstellung von Arbeit wird zu einem semantischen Universal-Reservoir, das im Sinn eines Wiedererkennungseffekts auf eine Serie von Zeichen im gesellschaftlichen Raum (Arbeit, Politik, Alltag) bezogen werden kann, die sich zu einem pathetischen Gesamttext über die Arbeit fügt, der in der Arbeiterliteratur in zahllosen Varianten als das 'Lied der Arbeit' 'gesungen' werden kann, schreibt Bogdal.

Das „Lied der Arbeit“ ist das bekannteste Arbeiterlied und gilt als Hymne der österreichischen Sozialdemokratie. Von den zehn Strophen der Originalfassung werden heute nur mehr die erste und die letzte gesungen. Die Melodie stammt von Josef Scheu (1841–1904) und der Text vom Graveur Josef Zapf (1847–1902).

Erstmals wurde das „Lied der Arbeit“ bei einer Mitgliederversammlung des 1867 gegründeten Arbeiterbildungsvereins aufgeführt, die am 29. August 1868 in Wien beim Zobel, in der Bierhalle, Gasgasse, stattfand.

Stimmt an das Lied der hohen Braut,
Die schon dem Menschen angetraut,
Eh' er selbst Mensch war noch.
Was sein ist auf dem Erdenrund,
Entsprang aus diesem treuen Bund.
Die Arbeit hoch!
Die Arbeit hoch!

Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung meint bis zur Jahrhundertwende mit dem 'Lied der Arbeit' die Antizipation einer zukünftigen Form befreiten Lebens und Arbeitens. Arbeit unter den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen hingegen bedeutet ihre Unterdrückung und Ausbeutung. Die reformistische Strömung (vgl. Abendroth, 1969) innerhalb der Sozialdemokratie denkt Arbeit als immanentes Element des Bestehenden, als dessen 'gute' Seite gewissermaßen, die sich in einem evolutionären Prozess durchsetzen werde. Nach dieser Konzeption wird die Sozialdemokratie schließlich aus einer politischen Organisation zur „Partei der planmäßigen Hebung der menschlichen Kultur“ (vgl. Abendroth, 1969), (Bogdal, S. 70).

Nur die Arbeit kann erretten,
Nur die Arbeit sprengt die Ketten,
Arbeit macht die Völker frei!
Mensch, was dich auch immer quäle,
Arbeit ist das Zauberwort,
Arbeit ist des Glückes Seele,
Arbeit ist des Friedens Hort!
Deine Pulse schlagen schneller,
Deine Blicke werden heller,
Und dein Herz pocht munter fort.
Heinrich Seidel (1842 - 1906), deutscher Ingenieur, ab 1880 lebte er als freier Schriftsteller in Berlin.

Der Begriff Ausbeutung wird ein kultureller, moralischer. Was bleibt ist, dass der Erwerbstätige „mehr Wert“ sein soll. Zur Erinnerung an Marx: „Daß ein halber Arbeitstag nötig, um ihn während 24 Stunden am Leben zu erhalten, hindert den Arbeiter keineswegs, einen ganzen Tag zu arbeiten. Der Wert der Arbeitskraft und ihre Verwertung im Arbeitsprozeß sind also zwei verschiedne Größen.“ (MEW, 23, S. 208)

Nils Fröhlich schreibt, ein Produktionszeitraum, z. B., ein Arbeitstag, zerfällt damit in zwei Teile. Im ersten Teil wird eine hinreichend große Warenmenge produziert, um die Vorleistungen zu kompensieren und den Wert der eingesetzten Arbeitskraft zu reproduzieren. Man könnte dies auch als notwendige Arbeit bezeichnen. Sie stellt insofern eine Notwendige dar, als dass ohne sie ein ökonomischer Substanzverlust eintritt. Der zweite Teil lässt sich demzufolge als Mehrarbeit auffassen, da in diesem Zeitraum mehr Arbeit geleistet wird, als man zur ökonomischen Substanzerhaltung benötigt (vgl. 23, 230).

Durch diese Mehrarbeit entsteht der Mehrwert, d. h. ersterer bildet den Inhalt und letzterer die zugehörige soziale Form. Der betriebliche Gewinn wiederum lässt sich als eine Erscheinungsform des Mehrwerts verstehen. Er besteht aus der Differenz zwischen der gesamten betrieblichen Wertschöpfung eines Zeitraums, dem Wert der hierbei verbrauchten Produktionsmittel, d. h. der Vorleistung und der eingesetzten Lohnsumme. Man kann den Mehrwert daher auch als betriebliche Netto-Wertschöpfung bezeichnen.

Die Ware Arbeitskraft hat daher die einzigartige Eigenschaft, mehr Werte zu erzeugen, als sie selbst wert ist. Diesen „Mehrwert“ eignet sich der Kapitalist kraft seiner Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel an. Das ist das Wesen der Ausbeutung, schreibt Theodor Prager (1951).

Literaturhinweise:
- Bogdal, Klaus-Michael, „Zwischen Alltag und Utopie“, Arbeiterliteratur als Diskurs des 19. Jahrhunderts, 1991, Springer Fachmedien Wiesbaden.
- Fröhlich Nils, „Die Aktualität der Arbeitswerttheorie“. Theoretische und empirische Aspekte, Metropolis-Verlag, 2009, Marburg.
- http://www.wien-konkret.at/kultur/mus...er-arbeit/

Werner Lang ist im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, Werkstatt Wien, aktiv