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Nur wenn es den Chefitäten passt!

Meinung Doris Rögner über Lehre mit Matura

Neulich war ich mit meinem Sohn (16) zwecks Berufsberatung beim AMS. Insbesondere wollten wir uns genauer über das Modell „Lehre mit Matura“ erkundigen. Mein mitgebrachtes Wissen stammte aus den Medien, wo man immer wieder lesen kann, wie innovativ und zukunftsweisend dieses Modell sei. Nicht nur Menschen aus dem Bildungsbereich, nein, auch VertreterInnen der Wirtschaft loben es immer wieder. Blauäugig wie ich nun einmal bin, glaubte ich, dass die „Lehre mit Matura“ allen jungen Menschen offen stünde, die sich dafür interessierten, sofern sie über die entsprechenden Leistungskapazitäten verfügten.

Nicht gerne gesehen

Nun hatte ich zwar im Bekanntenkreis schon ein paar Mal gehört, dass es Chefs geben soll, die es gar nicht so gern sehen, wenn sich der Lehrling auf den Weg zur Matura macht. Denn ein derart ausgebildeter junger Mensch hätte die Tendenz, sich nach der Reifeprüfung vom Betrieb zu verabschieden. Aber ich hatte bisher angenommen, dass der betreffende Chef/ die Chefin in diesem Fall maulen, allenfalls – was natürlich schlimm genug ist – dem Lehrling das Leben schwer machen könne, sich aber damit abfinden müsse.

Deshalb erstaunte mich sehr, was ich am AMS zu hören bekam: Lehre mit Matura – das sei so eine Sache. Wenn der/die ChefIn da nicht dahinter stehe, könne man es vergessen. Zum Beispiel sei es bei den Arbeitszeiten im Handel oft nicht möglich, die Abendkurse regelmäßig zu besuchen. Auch Berufsschulen und Maturakurse seien nicht aufeinander abgestimmt und es komme häufig zu zeitlichen Kollisionen.

Berücksichtigungswürdige Interessen…

Bei Gewerkschaftsschulungen hatte ich gelernt, dass es „berücksichtigungswürdige Interessen“ der ArbeitnehmerInnen gibt, auf die bei der Vereinbarung der Lage der Arbeitszeit und insbesondere bei deren Veränderung, wie es bereits der Name sagt, Rücksicht genommen werden muss. Ein solches Interesse scheint mir im Falle der Bildung eines jungen Menschen in höchstem Maße vorzuliegen.

Ich finde es haarsträubend, dass UnternehmerInnen offenbar nach wie vor in der Praxis fuhrwerken können, wie es ihnen passt, und nicht einmal jugendliche Lehrlinge davor geschützt werden. Es ist skandalös, dass ArbeitnehmerInnenrecht allzu oft quasi totes Recht ist, das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt ist. Es ist Heuchelei und Betrug an den jungen Menschen, wenn Bildung allerorts als hoher anzustrebender *) Wert gehandelt wird, die realen Chancen daran teilzuhaben jedoch nicht gegeben sind.

Mein Sohn verbleibt gemäß des Rates der AMS-Beraterin an der höheren Schule, obwohl diese Schule auch nicht das Gelbe vom Ei ist. Aber das ist eine andere Geschichte...

Doris Rögner ist Frühförderin und Betriebsrätin bei Diakonie Zentrum Spattstraße Linz

*) Im Sinne einer Freudschen Fehlleistung, die ich nicht vorenthalten möchte, hatte ich „anzusterbender“ geschrieben. Das Sterben der Bildung wird offenbar trotz gegenteiliger Beteuerungen angestrebt.