Stefan Robbrecht-Roller über Sport und Profit

Ex-IOC-Präsident Jacques Rogge erklärte bei der Wahl Chinas als Host der Sommerolympiade 2008: „Wir glauben, dass China sich durch die Öffnung des Landes für die prüfenden Blicke von 25.000 Medienvertretern, die die Spiele besuchen werden, ändern wird.“ Bei der Vergabe der Spiele an Beijing gab es aber international Bedenken wegen massiver Menschenrechtsverletzungen in China, die in einem Aufruf zum Boykott wegen der Niederschlagung antichinesischer Proteste in Tibet gipfelten. Aber China ist nur ein Beispiel.

Auf wessen Kosten?

Die Proteste folgen Großveranstaltungen auf jeden Kontinent. Arbeitsunfälle, erzwungene Enteignungen für die Infrastruktur, Imagepropaganda, Beseitigung störender Elemente um negative Schlagzeilen zu vermeiden, Veranstaltungskosten in Milliardenhöhe die bei Sozialleistungen eingespart werden – all diese Schattenseiten lassen sich auch in Südafrika, Russland und Brasilien beobachten.

Länder und Regionen bewerben sich aber weiter als Gastgeber internationaler Sportveranstaltungen. Weil bestimmte Eliten sich gerne auf der internationalen Bühne präsentieren. Und weil Sport und Spiele alle Schichten der Bevölkerung berühren.

Fortsetzung folgt

Russland darf sich nach Sotschi schon auf die Fußball-WM 2018 freuen. Auch Brasilien bleibt nach der Fußball-WM 2014 weiter am Ball und veranstaltet die Sommerolympiade 2016. Beide Nationen können aus den vergangenen Veranstaltungen lernen und sich in den Augen der Kritiker_innen bessere Noten erarbeiten.

In Rio de Janeiro hört der Streit um Zwangsräumungen aber nicht nach der Fußball-WM auf. „Man will den Touristen ein Rio zeigen, das nicht existiert - ein Rio ohne Armut“, meint Renato Cosentino vom kritischen Bündnis „Comite Popular Rio Copa e Olimpiadas“. Laut Stadtverwaltung mussten von 2009 bis 2013 insgesamt 20.299 Familien ihre Häuser räumen. Die Räumungen erfolgen vor allem rund um die touristisch interessanten Gebiete und die Austragungsorte von WM und Olympia. Profiteure sind Immobilienunternehmen.

Heftiger Preisschub

Brasiliens Bürger_innen leiden vor WM und Olympia unter einem heftigen Preisschub. Laut José Julio Sena (Getulio-Vargas-Stiftung) lassen sich die Preise teils mit der niedrigen Arbeitslosigkeit begründen, die offiziell in den letzten drei Jahren bei rund sechs Prozent lag. Dies führe zu steigenden Einkommen und einer wachsenden Nachfrage. Aber das allein verursache nicht die Überteuerung, so der Ökonom: „Es gibt keine objektive Rechtfertigung für diese als völlig absurd empfundenen Preise. Unbestreitbar gibt es Menschen, die Profit aus einer Situation schlagen wollen.“

Parallelgeld „Surreal“

Nun starten Verbraucher_innen einen kreativen Protest. Sie zahlen nicht mehr mit dem Real, sondern mit der Parallelwährung „Surreal“ zum Selbstausdrucken. Die „Cariocas“, Rios Einwohner, haben eine kreative Form des Protests gegen einen um sich greifenden Wucher gefunden. Auf der Facebook-Seite „Rio Surreal“ laden sie Fotos von überteuerten Mahlzeiten und unverschämten Rechnungen hoch.

Ex-Weltfußballer Rivaldo gehört zu jenen, die der Fußball-WM 2014 nichts abgewinnen können: „Wir wissen, dass Brasilien viele andere Prioritäten hat. Wir müssen statt Stadien mehr Schulen, Krankenhäuser und Gefängnisse bauen. Wir geben zu viel Geld für nur einen Monat aus.“

Spektakel in der Wüste

Geldverschwendung liegt sicher auch bei der Fußball-WM in Katar 2022, wogegen sich aber jetzt schon eine massive Protestwelle in Bewegung setzt. Wer wird die Infrastruktur in der Wüste benutzen, wenn das Monatsspektakel vorüber ist?

Der englische „Telegraph“ listete am 18. März 2013 Geldtransaktionen vom Kleinstaat zu Institutionen von FIFA-Koryphäen wie Michel Platini und Jack Warner. Diese stärken den Verdacht, dass bei dem Votum in Dezember 2010 nicht alles mit rechtem Dingen zugegangen ist.

Auch bei den Menschenrechten schaut es in Katar nicht rosig aus. Die FIFA hat am 13. Februar 2014 bei einer Anhörung im EU-Parlament die erschreckenden Bedingungen eingestanden, denen Gastarbeiter in Katar ausgesetzt sind, aber nicht auf der Abschaffung des als „Kafala“ bekannten Bürgensystems für die Erteilung eines Visums bestanden, durch das die in dem Land arbeitenden Menschen wie Sklaven behandelt werden.

Die ILO hat ein integriertes und umfassendes Konzept gefordert und von Reformbedarf des Kafala-Systems und der Notwendigkeit des Vereinigungs- und des Tarifverhandlungsrechtes gesprochen. Sie stellte fest, dass Katar ihre Empfehlungen in der neuen Charta für die Beschäftigten, die die Stadien und Trainingseinrichtungen für die Fußball-WM bauen, nicht berücksichtigt habe.

Fair Play gefordert

NGOs fordern globale Solidarität und Fair Play. Auf der Website der Initiative „Nosso Jogo“ – einer Kooperation von FairPlay-VIDC, Frauensolidarität, Globalista, Jugend Eine Welt, Lateinamerika-Institut und Südwind – kann man aktuelle Kampagnen, Berichten und Veranstaltungen, die Bezug nehmen auf die Weltmeisterschaft, folgen. Es lohnt sich auch neben den Podest zu schauen!

Stefan Robbrecht-Roller ist Mitarbeiter von Südwind. Infos unter www.nossojogo.at