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Zwölf Stunden-Arbeitstag: Frauen zurück an den Herd

Meinung Anne Rieger zum Internationalen Frauentag 2017

Ganz oben bei den industriellen Forderungen stehe weiterhin eine Flexibilisierung der Arbeitszeit, auf die die Industriellenvereinigung (IV) schon lange pocht, ließ kürzlich der Generalsekretär der IV, Christoph Neumayer, wieder einmal den Menschen ausrichten. Es gehe darum, im Gegenzug für längere Freizeitblöcke 12-Stunden-Tage zu ermöglichen. Davon profitierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, nämlich „von der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf“. Man könnte sich vor Erstaunen die Augen reiben über diese Unlogik, wenn frau nicht so wütend wäre.

Eltern, die Vollzeit arbeiten, haben heute schon große Probleme, für eine qualitativ hochwertige Betreuung ihrer Kinder über die Zeit von 40 oder 38,5 Stunden zu sorgen. „Viele Mütter arbeiten bereits jetzt wegen der Kinderbetreuung in Teilzeit. Eine Ausdehnung der täglichen Höchstarbeitszeit würde deren Situation verschärfen“, sagt Isabella Guzi, ÖGB-Bundesfrauensekretärin, zur Forderung, die tägliche Höchstarbeitszeit auf zwölf Stunden zu erhöhen.

Auch die ÖVP-Frauenchefin Dorothea Schittenhelm zeigt sich „skeptisch“. Wenn bei der Arbeitszeitflexibilisierung von einem Zwölf-Stunden-Tag die Rede ist, halte sie „das für bedenklich im Sinne der Kinderbetreuung. Ich möchte nicht, dass Eltern gezwungen sind, ihre Kinder von 7 bis 19 Uhr in einer Betreuungseinrichtung abzugeben. Das ist nicht Sinn einer flexibleren Arbeitszeit, wo man eigentlich mehr Zeit für die Familie haben möchte.“ Vollerwerbstätige Frauen könnten durch Zwölf-Stunden-Arbeitstage so in die Teilzeit gedrängt werden, warnt Schittenhelm: „Hier ist eine große Falle drin. Dann sind wir wieder dort, wo wir nicht hinwollen.“

Aber darauf läuft es hinaus. Kommt die Anforderung, zwölf Stunden zu arbeiten, „weil die Arbeit da ist“, wie Neumayer sagt, werden Eltern solche Arbeitsplätze nicht annehmen können. Da sie aber arbeiten gehen müssen, wird einer sich diesem totalen Ausbeutungsstress stellen müssen, während die andere solche Arbeit nur noch in Teilzeit bewältigen oder gar nicht mehr arbeiten gehen kann, ohne dass die Kinder vernachlässigt werden. Frauen zurück an den Herd. Dann sind auch zusätzliche Kinderbetreuungseinrichtungen nicht mehr nötig. Zurück ins Kaiserreich? Frauen ohne oder mit geringsten eigenen Pensionsansprüchen – Frauen zurück in die Abhängigkeit.

Für Alleinerziehende ist eine solche Arbeitszeit völlig undenkbar. Wer kann sein Kind schon 13-14 Stunden alleine lassen, denn die Fahrzeit ist einzuberechnen. Mindestsicherung, Altersarmut und Abhängigkeit vom Sozialsystem sind vorprogrammiert. Lebt frau nicht in der Stadt, fragt frau sich, ob es für solch lange Arbeitszeiten einen ausreichenden öffentlichen Verkehr gibt, ein Auto ist bei geringen Einkommen nicht möglich.

Flexizeiten sollen den gesetzlichen Überstundenzuschlag verhindern. Es geht also auch um Lohnkürzung. „Bereits jetzt leisten ArbeitnehmerInnen viel zu viele Überstunden – auch unbezahlt. Die müssen abgebaut werden, statt den Arbeitstag auszuweiten“, so die ÖGB-Bundesfrauensekretärin.

Alle internationalen Studien belegen, dass längere Arbeitszeiten die Bevölkerung krank machen, berichtete der ORF. Bei der Voest in Linz wurde sogar versuchsweise die Arbeitszeit in einigen Abteilungen herabgesetzt. Aus sozialmedizinischer Sicht sei das Ergebnis eindeutig, sagt der Arzt Johannes Gärtner, Autor der Studie: „Die Arbeitszeit lag bei ca. 35 Stunden. Hier fanden wir sehr positive Auswirkungen auf die Gesundheit der Arbeitnehmer.“ Umgekehrt heißt das, mit Flexizeiten wird Raubbau an der Gesundheit der Beschäftigten betrieben. Frauen an den Herd, Lohnsenkung und Krankheiten für die Männer – alles um des erhöhten Profits im Kapitalismus willen.

Anne Rieger ist Vorstandsmitglied des GLB-Steiermark