Geht’s Frauen gut, geht’s uns allen gut!
Gibt es eine gerechte Verteilung in der Gesellschaft?
Klaudia Frieben, Vorsitzende des Österreichischen Frauenrings
Wir schreiben das Jahr 2026. Ein Jahr, in dem wir davon ausgehen sollten, dass in Österreich die Gleichstellung von Frauen und Männern vollzogen ist. Die Realität sieht jedoch anders aus. 2025 betrug der Gender Pay Gap 16,3 Prozent, der Gender Pension Gap 39,7 Prozent und der Gender Care Gap 43 Prozent. Damit leisten Frauen fast doppelt so viel unbezahlte Arbeit wie Männer, haben ab dem 2. November gratis gearbeitet und rund 40 Prozent weniger Pension als Männer erhalten.
Diese Zahlen verdeutlichen die vorhandenen strukturellen Benachteiligungen. Dabei wurden in Österreich in der Vergangenheit zahlreiche frauenpolitische Meilensteine beschlossen, die das Ziel hatten, die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu beseitigen.
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit
1953 wurde der Gleichheitsgrundsatz „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ beschlossen. Damals gab es in den Kollektivverträgen Frauen- und Männerlohngruppen. Die Arbeit wurde also nicht nach der Tätigkeit, sondern nach dem Geschlecht bezahlt, wobei Frauen niedrigere Löhne erhielten. Der Beschluss hatte zur Folge, dass dank starker Gewerkschafter:innen die Frauenlohngruppen aus den Kollektivverträgen verschwanden. Das Problem des noch immer vorhandenen Gender Pay Gaps sind aktuell die strukturellen Benachteiligungen. Neben diesem gesellschaftspolitischen Aspekt fehlt nach wie vor die Neubewertung der Arbeit, aber auch die Tatsache, dass Frauen mit Kindern einen großen Einschnitt in ihrer Einkommensentwicklung hinnehmen müssen.
Steuerliche Umverteilung
Die Umverteilung von Steuern und öffentlichen Leistungen erfolgt vielfach zu Ungunsten von Frauen. Obwohl Gender Budgeting in der Verfassung verankert ist, haben die öffentlichen Leistungen der letzten Jahre ein massives Ungleichgewicht für Frauen gebracht, z.B. der Familienbonus+ oder die kalte Progression. Die Abschaffung der kalten Progression ist eine wichtige Errungenschaft, damit vor allem Arbeitnehmer:innen mehr Nettolohn erhalten. Der Grund für die niedrigere durchschnittliche Entlastung von Frauen ist laut Budgetdienst allerdings primär die Einkommensverteilung mit durchschnittlich niedrigeren Einkommen.
Beim Familienbonus+ verhält es sich ähnlich. Diese Familienleistung (2.000 Euro pro Jahr und Kind) hat zur Folge, dass fast 90 Prozent der Bezieher:innen Männer sind, weil es meist sie sind, die höhere Einkommen erzielen. Wenn Familienleistungen an die Steuerleistung gebunden sind, dann ist es naheliegend, dass sie denen zugutekommen, die eine entsprechende Steuerleistung aufweisen können.
Bezahlte und unbezahlte Arbeit
Die ungleiche Umverteilung findet auch im privaten Bereich statt. Laut der Zeitverwendungsstudie 2023 arbeiten Frauen mehr unbezahlt als bezahlt. Das bedeutet, dass sie weniger Zeit dafür haben, eine eigene Absicherung zu erwerben, sie haben weniger Kaufkraft und ihr Weg in die Altersarmut wird geebnet. Um also auch die unbezahlte Arbeit gerecht zu verteilen, wäre eine generelle Arbeitszeitverkürzung natürlich mit Lohnausgleich ein wirksames
Mittel.
Pensionssystem feministisch denken
Das Pensionssystem orientiert sich an einem vollzeitbeschäftigten Mann und nimmt wenig Rücksicht auf die Erwerbsbiographien von Frauen. Viele Frauen sind nach einem doppelt- und dreifach belastetem Leben armutsgefährdet. Die Streichung der „besten 15 Jahre“ und die Einführung der Lebensdurchrechnung im Jahr 2003 hatte zur Folge, dass der Pensionsanspruch massiv gekürzt wurde. Betroffen waren besonders Frauen, die meist schon längere Zeit in der Berufstätigkeit standen und die mögliche Erwerbsunterbrechungen oder Teilzeit aufgrund Kindererziehung nicht mehr rückwirkend verbessern konnten.
Zusätzlich wird das Pensionsantrittsalter für Frauen um fünf Jahre angehoben und die Langzeitarbeitslosigkeit bei älteren Frauen steigt stark an. Besonders die Wirtschaft ist nicht darauf vorbereitet, Frauen länger zu beschäftigen. Arbeitslosigkeit vermindert jedoch die Bemessungsgrundlage und damit die Pensionshöhe.
Noch viel zu tun
Abschließend ist festzuhalten, dass die Verteilung von Geld, Arbeit und Macht noch immer zu Ungunsten von Frauen erfolgt. Dabei ist die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen eines der wichtigsten Ziele der Gleichstellung und eine unabdingbare Grundlage für ein unabhängiges und gewaltfreies Leben. Es gibt noch viel Handlungsbedarf, um diese Defizite aufzuholen.
Es sind die Frauen, die mit ihrer bezahlten sowie auch unbezahlten Leistung die Gesellschaft am Laufen halten. Eine Arbeit, die eine Gesellschaft auch nie bezahlen könnte. Es wird Zeit, diese Arbeit zu honorieren.
