Kriegskeynesianismus: Aufschwung für die österreichische Wirtschaft?

Bundeskanzler Christian Stocker erklärte am Nationalfeiertag: Österreich investiere für seine Sicherheit in das Bundesheer, in den effektiven Schutz vor Katastrophen, Cyberangriffen oder Desinformation und in eine Stärkung der Wirtschaft. Waffen und Rüstungsproduktion statt Geld in die zivile Wirtschaft zu investieren – wird daraus ein Aufschwung? Für wen?

von Anne Rieger, Friedensaktivistin und Mitglied im erweiterten Bundesvorstand des GLB

Beginnen wir beim kürzlichen Kauf von 315 Drohnen bei der Firma ELBIT für 10 Mio. Euro. Wie im Juli 2025 bekannt gegeben wurde, beschaffte das Bundesheer 315 Aufklärungsdrohnen vom Typ MAGNI-X von der ELBIT Systems Deutschland GmbH, Tochterunternehmen eines der größten Rüstungskonzerne Israels. Es besteht eine Option auf weitere 300 Stück. Der Vertrag umfasst auch ein Ausbildungspaket sowie Ersatzteile.

Die Drohnen werden also nicht in Österreich, sondern in Deutschland produziert.
Sie tragen zur Kriegsvorbereitung, nicht aber zur österreichischen Wertschöpfung bei. Nicht die österreichische Wirtschaft, sondern einer der größten Rüstungskonzerne Israels wird mit österreichischem Steuergeld gefüttert.

Marktdurchbruch?

Im Februar 2024 verkündete Rheinmetall beglückt, dass der Konzern mit 36 Skyranger 30 einen dreistelligen Millionenauftrag erhalten habe und mit dem österreichischen Auftrag ein „Marktdurchbruch“ gelungen sei. Die Revolverkanone, angeblich zur „Drohnenabwehr“ auf Pandurpanzern montierbar, wird in der Schweiz und teilweise in Kassel hergestellt. Auch bei diesem Kriegsgerät, gezahlt mit österreichischem Steuergeld, ist es kein Wirtschaftsaufschwung in Österreich, sondern beim Konzern Rheinmetall.

Beide Beispiele zeigen, Herr Stocker erzählt uns Märchen, wenn er Aufrüstung mit Wirtschaftsaufschwung begründet. Es geht um Kooperation mit NATO- und anderen kriegführenden Staaten. Aber auch wenn die Kriegswaffen hier produziert werden – bei Investitionen liegt der heimische Anteil bei etwa 50 Prozent, bei Munition bei rund 30 Prozent, so Tanner – ist die österreichische Investition in die Aufrüstung ein äußerst schlechter Wachstumsbringer, wie wir von Ökonomen lernen können.

Denn Militärausgaben sind keine Investitionen, die später Erträge abwerfen. Rüstungsgüter sind totes Kapital. Aus ökonomischer Sicht sind sie staatlicher Konsum. Außerdem ziehen diese unproduktiven Ausgaben Ressourcen – Arbeitskräfte, Kapital – aus produktiven Bereichen ab. Das geht zulasten der wirtschaftlichen Entwicklung. Nur wenn die Waffen bei heimischen Rüstungsbetrieben produziert werden, würden sie die nationale Wirtschaftsentwicklung kurzfristig voranbringen. Allerdings nur, wenn die Waffen tatsächlich auch verwendet werden, wenn also Krieg geführt und Nachschub gefordert würde.

Fiskalmultiplikator

Ökonomen streiten darüber, wie hoch die Konjunktur- und Wachstumseffekte von Militärausgaben ausfallen. Der Multiplikator (Fiskalmultiplikator genannt) von Rüstungsausgaben liegt zwischen 0,6 und
1,5. Das heißt: Für jeden vom Staat für Rüstung ausgegebenen Euro würden 60 Cent bis 1,5 Euro in der heimischen Wirtschaft ankommen. Zum Vergleich: Der Multiplikator für Infrastrukturinvestitionen liegt bei 1,5, der von Bildungsausgaben gar bei drei.

Die keynesianischen Ökonomen Tom Krebs und Patrick Kaczmarczyk schätzen den Fiskalmultiplikator von Militärausgaben allerdings nur auf niedrige 0 bis 0,5. Aufgrund des beschränkten Wettbewerbs und ausgelasteter Produktionskapazitäten in der Rüstungsindustrie werden höhere Militärausgaben kurzfristig lediglich die Inflation anheizen und die Gewinne der Rüstungskonzerne steigen lassen. In der
Rüstungsindustrie ist Wettbewerb ein Fremdwort. Konzentration und Zentralisation prägen die Branche. Die Macht der wenigen Rüstungsbetriebe lässt ihnen freie Hand bei der Preisgestaltung.

Und so werden z.B. die Gewinne von Rheinmetall ununterbrochen gesteigert. Der Umsatz des Militärsektors stieg im dritten Quartal 2025 um 14 Prozent auf rund 825 Millionen Euro an. Das operative Ergebnis des Gesamtkonzerns konnte Rheinmetall um 18 Prozent auf 835 Millionen Euro steigern. Der Wert der Aktie stieg von 74 vor dem Ukrainekrieg auf über 1.600 Euro heute.

Darüber hinaus verpuffen eben die Wachstumseffekte zusätzlicher Staatsausgaben, wenn die öffentlichen Aufträge an ausländische Unternehmen gehen. Fast 80 Prozent der europäischen Rüstungsgüter werden bei Nicht-EU-Unternehmen in Auftrag gegeben. Das ist gut für Lockheed Martin oder Boeing, belebt aber nicht die europäische Konjunktur.

Klar ist auch: Höhere Produktionskapazitäten in der Rüstungsindustrie können den Fachkräftemangel in anderen Industriebranchen verschärfen. Gleichzeitig ist der Beschäftigungsboom der kapitalintensiven Rüstungsindustrie nicht groß genug, um die Absatz- und Strukturkrise der Automobilindustrie abfedern zu können.

One thought on “Kriegskeynesianismus: Aufschwung für die österreichische Wirtschaft?

  1. Eine erhellende Kommentar zur Torheit unserer Angstmacher- und Aufrüstungspolitiker*innen! Und geschichtsvergessen: Ich empfehle die Lektüre von Anne Morelli, Die Prinzipien der Kriegspropaganda. Frei nach Christa Wolfs großartigem Antikriegsbuch Kassandra (frei aus dem Gedächtnis): Wann Krieg beginnt, das kann man wissen. Die Frage aber ist: Wann beginnt der Vorkrieg? Wenn man dies wüsste, müsste man es aufschreiben, in Ton ritzen, in Stein meißeln. Was stünde da? Da stünde: Lass Dich nicht täuschen von den Eigenen!

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