„45 Jahre sind genug“ und nicht „45 Jahre sind Pflicht“

Der Gewerkschaftliche Linksblock (GLB), der ÖGB und der Zentralverband der Pensionist:innen Österreichs (ZVPÖ) setzen sich unabhängig vom Lebensalter für ein abschlagsfreies Pensionsantrittsalter nach 45 Versicherungsjahren ein. Denn es ist ungerecht, dass Menschen trotz voller Versicherungsjahre weiterarbeiten oder bei vorzeitiger Pensionierung Abschläge von bis zu 12,6 Prozent in Kauf nehmen müssen.

Die ÖVP hat ebenfalls ein 45-Jahre-Modell im Visier, jedoch mit einem anderen Ansatz: Der Bundeskanzler Christian Stocker hat während eines Aufenthalts in Tirol angeregt, das Pensionsantrittsalter nicht mehr an ein fixes Alter, sondern an die Anzahl der geleisteten Arbeitsjahre zu koppeln und 45 Arbeitsjahre zur Pflicht zu machen.

Unterstützt wurde er sofort von der Präsidentin des Seniorenrats Ingrid Korosec, ebenfalls aus der ÖVP. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung seien Anpassungen im Pensionssystem unvermeidlich. Es sei unverständlich, warum Lehrlinge länger als Akademiker:innen arbeiten müssen. Noch deutlicher wurde der Tiroler Landeschef Anton Mattle: 45 Arbeitsjahre Pflicht seien okay, aber trotzdem soll niemand vor 65 Jahren abschlagsfrei in Pension gehen können.

Laut Momentum eine unausgegorene Debatte

Das Momentum Institut zeigt, dass zwei Drittel der im letzten Jahr in Ruhestand gegangenen Menschen nicht auf 45 Versicherungsjahre kamen. Das liegt nicht an Faulheit der Betroffenen, viele werden schon lange vor dem Pensionsantritt ans AMS abgeschoben, bzw. müssen ihr Arbeitsleben aufgrund von gesundheitlichen Problemen vorzeitig beenden.

44.037 Personen dürften so unter dem neuen Modell nicht in Pension gehen. Rund die Hälfte der Männer müsste länger arbeiten, ein Fünftel sogar mindestens elf Jahre mehr. Frauen sind noch härter betroffen; nur 18 Prozent des Jahrgangs 2025 erreichen 45 Versicherungsjahre, viele müssten bis zu 20 Jahre länger arbeiten.

Verpflichtende 45 Arbeitsjahre erhöhen also das Antrittsalter, sowie auch die ohnehin herrschenden Problematiken, wie krankmachende Arbeitsbedingungen oder Ältere in die Arbeitslosigkeit abschieben, noch verstärken. 

Bildung wird zum Nachteil

Ständig hören wir (richtigerweise), dass Bildung für den Berufsweg wichtig ist. Das jetzt diskutierte ÖVP-Pensionsmodell ist allerdings bildungsfeindlich, denn es benachteiligt Jugendliche, die mehr Zeit davfür investieren. Studierende, die frühestens Mitte 20 mit dem Studium fertig sind, müssten dann bis 70 und darüber arbeiten. Dass Bildung harte Arbeit und kein Privatvergnügen oder Luxus ist wird einfach ignoriert .

Die sogenannten Wirtschaftsexpert:innen warnen ständig begleitend  vor der Unfinanzierbarkeit der Pensionen. Dabei werden bewusst Äpfel mit Birnen vermischt. Zum Beispiel indem Kosten für die Ersatzzeiten aus der Kinderbetreuung, für Ausgleichszulagen sowie der Dienstgeber:innenbeiträge für die Beamt:innen und Vertragsbediensteten den Pensionskosten zugeschlagen werden. Das sind aber keine Pensionskosten, sondern einfach nur Sozialleistungen.

Die ÖVP wird von der Industriellenvereinigung, der Wirtschaftskammer und ihrem kleinen Regierungspartner NEOS unterstützt. Beate Meinl-Reisinger, die Vorsitzende der NEOS, sprach sich im ORF-Sommergespräch ebenfalls dafür aus, die Anzahl erforderlicher Arbeitsjahre auf mindestens 45 sowie das gesetzliche Pensionsantrittsalter schrittweise ab 2030 auf 67 Jahre zu erhöhen. Der Nachhaltigkeitsmechanismus erfordert dies, und als angeblich unerwünschte Alternative blieben nur Beitragserhöhungen oder fortwährende Pensionsanpassungen unter der Inflationsrate. 

Insgesamt dient diese „45-Jahr-Zwang-Sommerlochdebatte“ dazu uns jetzt laufend damit einzulullen bis sich die Pensionsunfianzierbarkeitslüge in unseren Köpfen als Realität festsetzt. Wie wir dem entgegentreten, hängt von der Entschlossenheit unserer Interessenvertretungen, aber unserer aller Kampfgeist ab.

Josef Stingl (GLB-Mitglied im ÖGB-Bundespensionist:innenvorstand)

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